Über Potosí und Sucre hinunter ins Amazonasbecken

Am Ortsausgang von Uyuni zahlen wir 25 Bs (= 3,30 Euro) Maut für die Strecke nach Potosí. Die Straße, die Ruta 5, ist absolut nagelneu und die ganze Strecke entlang sehr gut ausgebaut. Wir fahren durch sehr abwechslungsreiche Landschaft, rauf auf 4.200 m, runter auf 3.400 m, wieder rauf, wieder runter. Immer wieder auf und nieder.

Altstadt von Potosí mit Cerro Rico im Hintergrund
Altstadt von Potosí mit Cerro Rico im Hintergrund
Bröckelnde Fassaden in Potosí
Bröckelnde Fassaden in Potosí

Noch ca. zwei Kilometer vor Potosí, auf knapp 4.000 m Höhe, ist nichts von einer Großstadt zu bemerken. Dann fahren wir um einen Bergvorsprung, und Potosí liegt den steilen Berg hinauf unmittelbar vor uns. Dahinter der mächtige Cerro Rico, der Reiche Berg, mit dessen Silberertrag Spanien jahrhundertelang wesentliche Teile seines Weltreiches finanziert hat. Wir fahren quer durch die enge und vom vielen Verkehr verstopfte Altstadt hoch zur Residencial Tarija, dem von Reiseführern und Bekannten empfohlenen Anlaufpunkt für Wohnmobilisten. Dort angekommen stellen wir fest, dass die Einfahrt in den Innenhof nur ca. 2,40 m hoch ist, unsere Leoni dagegen 2,95 m. Das macht uns noch nicht so sehr nervös, denn wir haben noch eine zweite Adresse, das Hotel Coloso, wo angeblich noch im Januar auch LKWs der Rallye Paris Dakar geparkt haben. Wieder fahren wir kreuz und quer durch die Altstadt. Das Navi macht uns wahnsinnig. Immer wieder werden wir verkehrt herum in Einbahnstraßen hineingeschickt. Dann wieder geht der Satellitenkontakt verloren. Außerdem sind einige Straßen gesperrt. Endlich angekommen erleben wir erneut eine negative Überraschung. Die Einfahrt zur Tiefgarage des Hotels Coloso ist viel zu niedrig. Die Story mit den LKWs kann nicht stimmen. Schon leicht entnervt halte ich zwei Polizisten auf der Straße an und bitte um Rat. Die Beiden kennen sich aus und wissen Bescheid, dass das Hotel Claudia passende Stellplätze hat. Dieses Hotel ist ganz in der Nähe, nur einen Kilometer entfernt. Leider ist die Wegbeschreibung etwas vage. Das Navi treibt uns weiter zum Wahnsinn, die Akkus geben den Geist auf, wir haben keine echte Orientierung mehr, und es wird dunkel. Es ist einfach nicht zu glauben. In der Nähe des Hotels Claudia lasse ich Leoni mit Hildegard auf dem Beifahrersitz am Straßenrand mit laufendem Motor stehen, begebe ich mit zu Fuß auf die Suche, frage mich durch, finde das Hotel schließlich auch, allerdings nur, um erneut festzustellen, dass die Einfahrt auch hier viel zu niedrig ist. Ich werde mit einem Stadtplan ausgestattet und weitergeschickt, frage schließlich den Tankwart der YPFB-Tankstelle im Zentrum und werde zu einem Parkplatz zwei Cuadras weiter gewiesen. Diesen Parkplatz gibt es überraschenderweise tatsächlich, er ist zwar etwas schräg, aber mit Hilfe unserer gelben Unterlegkeile lässt sich das kompensieren. Ich frage einen Anwohner, der gerade nebenan aus seiner Garage fährt, ob wir hier übernachten und morgen das Fahrzeug stehen lassen können. Kein Problem, ist die Antwort, auch nicht mit der Sicherheit. Damit ist eine stundenlange, unfassbare Rundfahrt durch die Altstadt von Potosí erfolgreich beendet. So etwas haben wir noch nicht erlebt und müssen das auch nicht noch einmal erleben.

Unser Übernachtungsplatz in Potosí
Unser Übernachtungsplatz in Potosí

Es folgt eine erstaunlich ruhige Nacht. Niemand behelligt uns, und der Straßenverkehr ist erstaunlich gering. Und richtig kalt wird es auch nicht. Zwar ist am Morgen oben auf dem Dachfenster Eis, aber drinnen haben wir am Morgen erfreulicherweise mehr als 9 Grad.
Nach dem Frühstück laufen wir zunächst nur einen Block weiter in die Calle Calama 188, wo laut unseren Reiseführern die Migración sein soll. Sie ist natürlich nicht mehr da, sondern mittlerweile umgezogen. Ein unmittelbarer Nachbar schickt uns zur zentralen Plaza. In der Tourist Information wird das Ganze konkretisiert: An der Plaza zur Policia General. Dort ist man aber natürlich nicht zuständig und gibt uns die Adressen von Migración und Aduana. Mit dem Taxi fahren wir zur Migración. Der Beamte dort will uns die gewünschte Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigungen aber nicht geben, weil die ja erst in drei Wochen ablaufen. Mit dem Taxi fahren wir zurück zur Plaza. Fazit: Viel Aufwand, wenig Ertrag.

Eingangsportal der Casa de la Moneda
Eingangsportal der Casa de la Moneda
Eingangsbereich der Casa de la Moneda im ersten Innenhof
Eingangsbereich der Casa de la Moneda im ersten Innenhof
Zweiter Innenhof der Casa de la Moneda
Zweiter Innenhof der Casa de la Moneda

Die Casa de la Moneda (= Münze) ist das wahrscheinlich interessanteste Gebäude von Potosí. Hier war über Jahrhunderte die neben Mexiko und Lima wichtigste Münze des spanischen Kolonialreiches untergebracht. Zuerst von Hand und später maschinell wurde hier das aus den Minen des Cerro Rico geholte Silber in Münzgeld umgewandelt. Wir machen eine anderthalbstündige Führung mit und sind tief beeindruckt. Das Gebäude an sich ist toll, und die Exponate und technischen Lösungen, die über 400 Jahre Münzgeschichte anschaulich machen, sind es nicht minder.

Vor Mineneingang am Cerro Rico
Vor Mineneingang am Cerro Rico
Leere Lore wird in die Mine geschoben
Leere Lore wird in die Mine geschoben
Gleich ist der Mineneingang erreicht
Gleich ist der Mineneingang erreicht

Für den Nachmittag haben wir den privaten Besuch einer Mine im Cerro Rico gebucht. „Privat“ heißt hier: Nicht in einer Gruppe, sondern individuell. Schon in vorspanischer Zeit wurde hier Erz abgebaut. Die Spanier bauten den Silberabbau dann massiv aus. Der Schatz im Berg stellte sich als schier unermesslich heraus. Im Laufe der Jahrhunderte wurden angeblich 60.000 Tonnen Silber gefördert. Im 17. Jahrhundert war Potosí eine der größten und die reichste Stadt der Welt. Dies alles geschah jedoch „natürlich“ auf Kosten der Minenarbeiter. Man geht von insgesamt ca. 8 Millionen durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen umgekommenen indigenen und afrikanischen Minenarbeitern aus. Heute wird immer noch von ca. 7.000 Mineros Erz aus dem von mehr als 1.000 Minenschächten durchzogenen Cerro Rico herausgeholt. Ein normaler Minenarbeiter verdient dabei pro Acht-Stunden-Tag 100 Bs ( = 13,30 Euro).Das Silber ist aber offenbar im Wesentlichen ausgebeutet und spielt fast keine Rolle mehr. Heute werden hauptsächlich Blei-, Zinn- und Zink-Erze gefördert.

10 Loren sind das Standard-Tagespensum eines Mineros
10 Loren sind das Standard-Tagespensum eines Mineros

Unmittelbar am Fuß des Cerro Rico kaufen wir Geschenke für die Mineros: Kokablätter, Zigaretten, 96%igen Alkohol und Dynamit. Das mit dem Dynamit ist kein Scherz, sondern stimmt wirklich. Dynamit ist hier im Laden frei verkäuflich. Danach werden wir mit Schutzkleidung, Stiefeln, Helm und Kopflampe ausgerüstet. Anschließend geht´s zu Fuß hinein in die Mine. Wir laufen auf den Gleisen buchstäblich kilometerweit (geschätzte 1 – 1,5 km) in den Berg hinein, an Abzweigungen vorbei, müssen Loren ausweichen, knallen x-mal mit dem zum Glück durch den Helm geschützten Kopf an die Decke, klettern Leitern mit zerbrochenen Sprossen hoch, balancieren auf wackligen Balken an Abgründen vorbei. Abgesichert ist praktisch nichts, die einfachsten Sicherheitsmaßnahmen sind nicht vorhanden. Das Ganze ist ziemlich unglaublich. In jedem anderen Land der Welt würde die Mine wahrscheinlich sofort geschlossen. Unterwegs werden die Geschenke von unserer Führerin nach uns unbekannten Regeln an die Mineros verteilt. Erwähnenswert ist noch ein Beschützerstandbild in einem Seitengang, das einem Teufel ähnelt und das von den Mineros Opfergaben bekommt. So auch von uns Besuchern. An zwei besonders „spannenden“ Stellen weit im Innern des Berges verweigern wir die Gefolgschaft und bestehen schließlich auf Rückmarsch. Wir sind beide froh, als wir wieder draußen sind.

Über diese Leiter mit gebrochenen Sprossen geht es ein Stockwerk höher
Über diese Leiter mit gebrochenen Sprossen geht es ein Stockwerk höher
Beschützer-Gottheit der Mineros
Beschützer-Gottheit der Mineros

Vor der Weiterfahrt nach Sucre tanken wir an der erwähnten YPFB-Tankstelle Leoni voll. Es ist unsere erste Tankaktion in Bolivien. Das ist erwähnenswert, weil Fahrzeuge mit ausländischem Kennzeichen in Bolivien einen wesentlich höheren Preis als Einheimische zahlen müssen. Wir erfahren, dass der Ausländerpreis für den Liter Diesel 8,88 Bs beträgt. Das ist ziemlich viel, ca. 1,17 Euro. So viel haben wir bisher nirgendwo in Südamerika für Diesel bezahlt. Einheimische zahlen nur ca. 3,5 – 3,8 Bs.
Der Weg aus Potosí heraus ist zum Teil sehr steil und stellt Leoni auf eine harte Probe. Der Verlauf der Ruta 5 führt anschließend auf und ab, durchs Gebirge und über Hochflächen, die langsam aber sicher grüner und auch tropischer werden. In Summe geht es nämlich bergab. Sucre liegt nur noch auf 2.800 m, also fast 1.200 m niedriger als Potosí. An einer Polizeikontrolle unterwegs müssen wir das Zoll-Dokument für Leoni vorzeigen. Dieses wird abgestempelt, was uns 5 Bs kostet. Warum auch immer. Zeitweise haben wir leichten Nieselregen, den ersten Niederschlag seit sehr vielen Wochen, wenn man von der Zeit auf der Osterinsel absieht. In Sucre angekommen fahren wir problemlos um das Stadtzentrum herum zum zentrumsnahen Hostal Austria. Dieses hat einen schön begrünten und abgeschlossenen Hof, wo wir uns gut aufgehoben fühlen und häuslich einrichten. Nach den Erfahrungen von Potosí ein äußerst angenehmes Kontrastprogramm.

Angenehmer Übernachtungsplatz im Hostal Austria in Sucre
Angenehmer Übernachtungsplatz im Hostal Austria in Sucre
Kathedrale in Sucre
Kathedrale in Sucre

Wir bringen unsere Wäsche zu einer benachbarten Lavanderia, gehen in einen Supermarkt im Stadtzentrum einkaufen, fahren mit dem Taxi zurück und fangen an, die innen und außen von der Lagunen-Route total verschmutzte Leoni zu putzen. Anschließend erstrahlt unser Gefährt in neuem Glanz. Als wir zum Essen gehen wollen, fängt auf dem Fernseher im Foyer gerade das Elfmeterschießen im Copa-America-Finale Chile gegen Argentinien an, das Chile 4:1 gewinnt. Der einzige Argentinier, der seinen Elfmeter verwandeln kann, ist Lionel Messi. Argentinien, das die Copa America noch nie gewinnen konnte, ist auch hier wieder nur zweiter Sieger. In der von uns besuchten Churascaria gibt es dann ein unglaublich gutes Stück Fleisch mit Kartoffeln und Salat. Zu einem richtig günstigen Preis. Wir fühlen uns in Sucre richtig wohl.

Kirche San Francisco in Sucre
Kirche San Francisco in Sucre
Ehemaliger Regierungspalast in Sucre
Ehemaliger Regierungspalast in Sucre

Wir sind drei Nächte in der Stadt und haben folglich viel Zeit, uns alles anzusehen. Sucre ist die Hauptstadt Boliviens, auch wenn de facto fast alle Regierungsgeschäfte in La Paz abgewickelt werden. Sucre hat ein sehr geschlossenes Stadtbild, wird die weiße Stadt genannt und gilt als die schönste Kolonialstadt Südamerikas. Leider ist es an den ersten anderthalb Tagen stark bewölkt. Erst danach kommt endlich wieder die Sonne heraus, und die Stadt erstrahlt sehr fotogen in blendendem Weiß.
Wir machen einen erneuten Anlauf mit der Migración, ich trage in meinem besten Spanisch unser Anliegen vor und bekomme die Frage gestellt: „Ustedes son Alemanes – Sie sind Deutsche?“ Auf meine verdutzte Reaktion erklärt der Beamte lachend, das habe er an meinem Akzent festgestellt. Die Aufenthaltsgenehmigungen verlängern will er aber nicht. Das gehe erst am 20.7., 5 Tage vor Ablauf der bisher bewilligten 30 Tage.
Das Mittagessen am letzten Tag in Sucre wirft mich dann aus der Bahn. Monatelang habe ich in Südamerika bedenken- und folgenlos Salat gegessen. Bei dem heutigen ist jedoch offenbar etwas anders. Am Abend bin ich jedenfalls sterbenskrank, und es dauert zwei bis drei Tage, bis das Thema überwunden ist.
Immerhin geht es mir am nächsten Morgen etwas besser, und wir fahren wie geplant weiter Richtung Santa Cruz und Trinidad. Ein paar Kilometer nördlich von Sucre kommen wir an kürzlich entdeckten Saurierspuren in einem Kalksteinbruch vorbei. Vor 68 Millionen Jahren sind hier 5.000 Fußabdrücke von 300 verschiedenen Exemplaren verschiedener Saurierarten hinterlassen worden. Die meisten von 10 bis 12 m großen Titanosauriern. Sie sind von der Straße aus an einer schrägen, fast senkrecht stehenden völlig glatten Fels- (oder Lehm-?) Wand von riesigen Ausmaßen sehr gut zu erkennen. Die Wand ist geschätzte 100 m lang und 20 m hoch. Für ein Foto reicht es mir aber leider nicht. Ich kann wegen des Verkehrs nämlich nicht anhalten.

Im Hochland nördlich von Sucre unterwegs
Im Hochland nördlich von Sucre unterwegs

Die Ruta 5 Richtung Norden ist die ersten drei Stunden noch asphaltiert, doch dann kommt eine fast endlose Baustelle und danach Piste. Gegen 17 Uhr haben wir für den Tag genug und richten uns neben der Straße auf einer freien und halbwegs ebenen Fläche zur Übernachtung ein.
Am nächsten Morgen geht es weiter, zunächst noch auf Piste, bis die Ruta 5 in die Ruta 7 einmündet. Ab dort fahren wir dann wieder auf Asphalt. Der ist zwar mit vielen Löchern versehen, aber immerhin gehört jetzt der vorher allgegenwärtige Staub der Vergangenheit an. Pünktlich zum Mittagessen kommen wir in Samaipata an. Dies ist eine sehr ansprechende Kleinstadt mit offenbar hohem Touristenaufkommen. Es gibt jede Menge Hospedajes, Restaurants, Tour Agencies, etc.

Koloniales Flair in Samaipata
Koloniales Flair in Samaipata
Inka-Festung El Fuerte
Inka-Festung El Fuerte

Wir checken auf der Eco-Finca La Vispéra ein, die einem Holländer gehört, sehr schön ist mit einem tollen Kräuter- und Gemüsegarten, aber eine sehr lange und ziemlich schlechte Zufahrt hat. Mit einem Taxi fahren wir von dort hoch zum 8 km entfernten El Fuerte und sind anschließend froh, nicht mit Leoni gefahren zu sein. Denn die Strecke ist sehr „wüst“. El Fuerte war der südöstlichste Vorposten des Inkareiches, allerdings nur von 1470 – 1490. Noch vor der Ankunft der Spanier wurden die Inkas von den lokalen Guaranis wieder aus ihrem Gebiet herausgeworfen.
Die Anlage von El Fuerte ist eindrucksvoll, aber die Erklärungen auf den Tafeln sind oft mehr als vage. Die lauten zum Beispiel so: „Das Haus könnte der Administration und/oder militärischen Zwecken gedient haben.“ In diesem Stil geht es von Tafel zu Tafel.
In Samaipata haben sich viele Ausländer niedergelassen. Angeblich leben hier 30 verschiedene Nationalitäten. Das ist für uns nachvollziehbar, denn die Gegend ist wunderschön. Auf unserer Weiterfahrt windet sich die Straße durch die sehr malerischen Berge. Alles ist herrlich grün bei wunderbarem Sonnenschein. Am Straßenrand kauft Hildegard 25 große Clementinen für ganze 10 Bs (= 1,35 Euro). Kurz vor Santa Cruz sind wir dann plötzlich in der Ebene. Es gibt keine Berge mehr, und wir befinden uns nur noch 300 m über dem Meeresspiegel. Alles ist fruchtbar und grün. In Santa Cruz machen wir eine kurze Mittagpause und fahren dann gleich Richtung Trinidad weiter.
Kurz darauf sind plötzlich Mennoniten mit Pferdewagen auf der Straße. Alle ungewöhnlich und „altfränkisch“ gekleidet. Die Männer mit Latzhosen und Strohhüten, die Frauen mit Haube und langen Kleidern. Viel traditioneller als im Chaco in Paraguay, wo man die Mennoniten eher an ihren blonden Haaren und weniger an ihrer Kleidung erkennen kann. Die Estancias links und rechts der Straße machen plötzlich einen gepflegten und sauberen Eindruck. Es ist ein sehr augenfälliger Unterschied gegenüber dem, was man sonst so sieht. Mit „wie Tag und Nacht“ ist dieser Unterschied nur unzureichend beschrieben.
Ein Stück hinter San Ramón suchen wir einen Übernachtungsplatz, finden aber zunächst keinen passenden. In Aldea fahre ich kurzentschlossen ins Dorf hinein und frage die Anwohner, ob wir hier übernachten dürfen. Nach Befragen des Presidente del Pueblo dürfen wir: „No pasa nada.“ Was wohl so viel bedeutet wie „Kein Problem“. Wir unterhalten uns lange mit dem freundlichen Dorfchef und verbringen eine ruhige Nacht.
Diese Nacht ist die wärmste seit langem. Wir nähern uns dem Äquator, sind aus dem Gebirge heraus und jetzt im Tiefland. Das wirkt sich temperaturmäßig deutlich aus. Kurz vor 9 Uhr sind wir wieder unterwegs. Die Straße nach Trinidad hat wie am Vortag auch immer wieder brutale und eigentlich unerklärliche oder auch unentschuldbare Löcher, ist aber trotzdem zumindest bei Tageslicht zügig befahrbar. Interessanterweise wird die Straße dann immer besser. An den letzten vielleicht 200 km vor Trinidad gibt es gar nichts mehr an der Straße auszusetzen. Immer wieder kommen Mautstellen, an denen die von uns gelöste „Rückfahrkarte nach Santa Cruz“ abgestempelt wird. Bald sind x Stempel übereinander. Erkennen kann man längst nichts mehr. Die in der Regel mit den Mautstellen gekoppelten Polizeikontrollen sind noch lustiger. Es ist jedes Mal anders. Name und Autodaten werden schon mal in dicke Bücher eingetragen. Meistens wird jedoch nur der Führerschein verlangt. Ich lege immer die eingeschweißte Kopie des deutschen Führerscheins vor. Die wird dann kaum angesehen- geschweige denn verstanden- und kommentarlos zurückgegeben. Das ist der Standardvorgang. Ein verrücktes Ritual.
In Trinidad angekommen fahren wir gleich weiter zum etwas außerhalb gelegenen Puerto Ballivián, einem winzigen, geradezu idyllischen Hafen am Rio Ibaré, wo wir uns mit dem Einverständnis des Besitzers Ronald neben dem Restaurant Doña Irene niederlassen (s. Übersichtsbild über diesem Beitrag).

Auf dem Rio Ibaré
Auf dem Rio Ibaré
Süßwasser-Delfin
Süßwasser-Delfin

Am folgenden Tag fährt Ronald uns mit seinem Boot mit Außenbordmotor raus auf den Fluss, um Bufeos, Süßwasser-Delfine, zu suchen. Und tatsächlich finden wir diese nach einigem Suchen. Zuerst vielleicht fünf, später noch einmal mindestens einen weiteren. Es ist das erste Mal, dass wir Süßwasser-Delfine zu sehen bekommen, und der Anblick dieser seltsamen Tiere mit ihrer rosa Haut und ihren äußerst spitzen Schnauzen ist schon etwas Besonderes. Das Fotografieren ist allerdings ziemlich schwierig. Leider gelingt mir nur ein einziges halbwegs brauchbares Foto. Vielleicht ergeben sich jedoch in den folgenden Tagen weitere Chancen.
Diese Chancen ergeben sich dann tatsächlich. An sechs aufeinander folgenden Tagen sehen wir jeweils Fluss-Delfine, und ich mache weit über 100 Fotos von ihnen. Mal ist darauf ein rosa Rücken, mal eine Schwanzflosse zu sehen, aber ein wirklich gutes Foto ist leider nicht dabei. Trotz dieser enttäuschenden Fotoausbeute sind die Fluss-Delfine für uns absolut faszinierend. Es gibt sie offenbar in der Gegend relativ häufig, sonst würden wir sie nicht so oft sichten. Manchmal sehen wir sie aus dem Fenster heraus in Puerto Ballivián an Leoni vorbeischwimmen, meistens allerdings von Bord der Reina de Enin aus oder von einem deren Beiboote.

Die Reina de Enin
Die Reina de Enin

Die Reina de Enin ist ein Amazonas-Kreuzfahrtschiff, das im Bereich des Ibaré-Mamoré-Parks nördlich von Trinidad unterwegs ist. Schon in Uyuni hatten wir eine 4-Tages-Tour auf der Reina de Enin gebucht. Sie hat eine Kapazität von 36 Passagieren, ist bei unserer Tour aber kaum ausgelastet. Die ersten beiden Tage sind 10 Passagiere an Bord, und die letzten beiden Tage haben Hildegard und ich das Schiff ganz für uns alleine. Leoni steht für die Zeit unserer Flusskreuzfahrt gut bewacht in einem geschlossenen Innenhof in Trinidad.

Reina de Enin mit Beibooten auf dem Rio Mamoré
Reina de Enin mit Beibooten auf dem Rio Mamoré
Hier muss Alvaro ins Wasser, um unser Boot wieder flott zu bekommen
Hier muss Alvaro ins Wasser, um unser Boot wieder flott zu bekommen
Kein Rasen, sondern Fluss mit Wassersalat an der Oberfläche
Kein Rasen, sondern Fluss mit Wassersalat an der Oberfläche
Ein Reiher lauert auf Beute
Ein Reiher lauert auf Beute

Das Leben an Bord ist sehr abwechslungsreich. Jeden Tag gibt es mehrere Ausflüge, die auf den Geschmack der jeweiligen Passagiere abgestimmt sind. Wir machen Bootsausflüge durch zum Teil sehr enge und manchmal auch von Treibholz oder umgefallenen Bäumen verstopfte Durchfahrten, Wanderungen durch den Dschungel, bei denen wir verschiedene Affenarten beobachten können, einen Besuch einer Estancia mit Reiteinlage, weitere Besuche von indigenen Communities, eine nächtliche Bootstour auf der Suche nach Kaimanen, etc. Wenn ein Gebiet „abgegrast“ ist, fährt die Reina de Enin weiter und legt an einer anderen Stelle wieder an. Eine Aktivität, der sich außer uns alle Passagiere mit Begeisterung widmen, ist das Piranha-Angeln. 27 Piranhas lassen hierbei an einem Vormittag ihr Leben und landen auf dem Mittagstisch.

Frisch geangelte Piranhas
Frisch geangelte Piranhas
Kurz darauf: Piranhas auf dem Mittagstisch
Kurz darauf: Piranhas auf dem Mittagstisch

In der zweiten Nacht auf dem Schiff schlägt das Wetter um. Es gewittert und stürmt und regnet dann am Morgen vom Himmel hoch. Die Temperaturen an diesem Tage betragen nur noch ungemütlich kalte 12 bis 14 Grad. Das sind volle 20 Grad weniger als an den Tagen zuvor. Dies kommt für uns hier, nur 14 Grad südlich des Äquators, völlig überraschend. Wir haben nicht einmal Regenjacken mit an Bord genommen und müssen uns für die anstehenden Ausflüge bei der Besatzung Ponchos ausleihen. Immerhin haben wir warme Jacken dabei, und die brauchen wir auch.
In Summe sind unsere vier Tage an Bord sehr erholsam. Wir bekommen viel zu sehen, sind allerdings erstaunt darüber, wie selten Kaimane und Säugetiere in Erscheinung treten. Wir haben ja den Vergleich zum Pantanal, und der Unterschied ist frappierend. Bei unserer nächtlichen Suche nach Kaimanen beispielsweise finden wir genau drei Exemplare, keins größer als einen knappen Meter. Ansonsten haben wir keinen einzigen Kaiman gesehen. Unsere Schlussfolgerung ist, dass hier massiv gejagt wird. Schutzgebiet hin oder Schutzgebiet her. Einen Parkwächter haben wir übrigens nicht registriert.

Urwald am Ufer des Rio Mamoré, des längsten Flusses in Bolivien
Urwald am Ufer des Rio Mamoré, des längsten Flusses in Bolivien
Abendstimmung auf dem Rio Mamoré
Abendstimmung auf dem Rio Mamoré

Vor unserer Weiterfahrt mit Leoni wollen wir noch die Dieseltanks auffüllen. An der angefahrenen Tankstelle wird uns dann aber mitgeteilt, dass hier nur Fahrzeuge mit bolivianischem Kennzeichen betankt werden können. Zur Erinnerung: In Bolivien zahlen Fahrzeuge mit ausländischem Kennzeichen knapp das Zweieinhalbfache im Vergleich zu einheimischen Autos. Wir fahren also zur nächsten Tankstelle. Hier werde ich mit einem Wortschwall überschüttet. Bald wird mir klar, dass wir auch hier keinen Diesel bekommen. Ich soll mir am nächsten Tag in irgendeinem Oficina in der Stadt eine Erlaubnis zum Tanken besorgen. In einem Geschäft gegenüber gäbe es aber auch Kanister zu kaufen. Ich könnte mir ja einen Kanister besorgen, mit diesem wiederkommen und dann Diesel kaufen. So könnte ich das Gesetz umgehen. Am Ende einer schier endlosen Diskussion kommt noch die Alternative, an der Tankstelle im Ortsteil Pompeya zu tanken. Da würden wir Diesel bekommen.
Nach längerem Suchen finden wir die angegebene Tankstelle. Als erstes weise ich auf unser ausländisches Nummernschild hin. Ja, ja, das wäre ok. Die einzige Gegenfrage lautet, ob ich mit Bolivianos zahlen wolle oder etwa in Dollars. Ich bestätige: Bolivianos. Daraufhin werden beide Tanks von Leoni gefüllt. An der Tanksäule ist überraschenderweise der bolivianische Preis eingestellt: 3,72 Bs. Nach Abschluss der Betankung stellt der Tankwart auf einem entsprechenden Vordruck eine saubere Quittung mit meinem Namen, der Passnummer, der Nationalität und dem Autokennzeichen aus. Und dem bolivianischen Preis, der umgerechnet genau 50 Eurocent pro Liter beträgt. Das ist der bisher billigste Diesel in ganz Südamerika. Ich zahle, und wir machen ganz schnell, dass wir wegkommen. Das Ganze ist einfach nicht zu glauben.

4 Comments

  1. Uwe said:

    Hallo Hildegard und Franz,
    Euch beiden weiterhin viel Spaß auf dieser langen Reise. Ich folge gespannt Euren Beiträgen und Erlebnissen. Hoffentlich klappt es und Angelika und ich können zumindest einen Teil der Sűdamerikaroute machen.
    Alles Gute und Grüße aus Michigan,
    Uwe

    22. Juli 2015
    Reply
  2. Bernd said:

    Hallo Leoni-Besatzung,
    da sieht man mal wieder, mit wie wenig Konsum man eigentlich auskommen kann. Falls also der Weinkeller und der Kühlschrank im Leoni demnächst leer ist, reichen Kokablätter, Zigaretten, 96%iger Alkohol und Dynamit, um zu überleben. Damit fahrt ihr nicht nur überall lässig durch, sondern Ihr könnt Euch zur Not auch noch den Weg „freisprengen“. Als Nichtraucher könnt ihr die Zigaretten als Zündschnur fürs Dynamit verwenden.
    Zum Thema tanken muss ich noch was sagen:
    Es hat sich schon immer ausgezahlt, die ausgetrunkenen Rotwein-Kanister zu sammeln, um Einheimische damit Diesel zum „Einheimischen Preis“ organisieren zu lassen.
    Wohl bekomms.
    Grüße in die grüne Hölle Amazoniens
    Bernd

    P.S.: Findet man im Bolivianischen Regenwald eigentlich noch traditionelle Fredels? Oder werden die auch von der FUNAI abgeschottet?

    24. Juli 2015
    Reply
  3. Werner und Christiane said:

    Hallo Hildegard und Franz,
    wir haben mit großem Interesse und viel Spaß Euren Bericht über Potosi gelesen. Vielen Dank dafür. Um nicht wie Ihr eine Odysee nach einem Stellplatz in Potosi zu machen, bitten wir Euch um die GPS-Daten für diesen Übernachtungsplatz. Können wir den mit unserem Wohnmobil (Höhe 3,5m) auch anfahren?
    Vielen Dank!
    Herzliche Grüße
    Werner und Christiane

    29. August 2015
    Reply
  4. Franz said:

    Hallo Werner und Christiane,
    wir haben Euch die Info schon vor ein paar Tagen per Mail geschickt. Hier ist sie noch einmal: Der Parkplatz, auf dem wir in Potosí übernachtet haben, liegt bei

    -19.58185
    -65.75444

    Höhenbeschränkungen gibt es nicht.
    Viele Grüße und weiterhin gute Reise Franz

    4. September 2015
    Reply

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