Durch Albanien, Montenegro, Kroatien, Slowenien und Österreich zurück nach Deutschland

13.09.2021: Die Ausreise aus Griechenland zieht sich etwas in die Länge aufgrund eines gewissen Hin und Hers bei den Corona-Kontrollen vor mir in der Schlange. Dafür bin ich etwas später bei den Albanern in weniger als zwei Minuten durch. Ein kurzer Blick auf meinen Pass und den Kfz-Schein, die unmissverständliche Frage „Test Covid?“, ein flüchtiges Zur-Kenntnis-Nehmen meines Impf-Zertifikats, das war´s.

Die Landschaft ändert sich an der Grenze schlagartig. Vorher auf der griechischen Seite bin ich noch an dicht bewaldeten Berghängen vorbeigefahren, und jetzt ist plötzlich bis zum Horizont alles völlig kahl. Sehr merkwürdig. Die Uhr stelle ich eine Stunde zurück, denn in Albanien herrscht MESZ, mitteleuropäische Sommerzeit.

Schon nach wenigen Kilometern habe ich mein Tagesziel erreicht, die Stadt Gjirokastër. Auf dem Campingplatz, etwa 1,5 km vom Stadtrand entfernt, tausche ich 100 Euro in die Landeswährung, erhalte 12.000 Lek und bin damit wieder flüssig und handlungsfähig. Den Weg zur ca. 3,5 km entfernten Burg von Gjirokastër gehe ich trotz der Mittagshitze zu Fuß an, was ich bald bereue, denn der Weg zieht sich nicht nur in die Länge, sondern zur Burg mit der an ihrem Fuß liegenden Altstadt, die als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet ist, geht es auch noch steil bergauf. Und zwar sehr steil bergauf. So steil, dass ich mehrfach kurze Pausen einlegen muss.

Die Altstadt von Gjirokastër unterhalb der Burg
Blick von der Burg auf Stadt und Umgebung. Unten in Bildmitte die Medresse und links daneben die Bazaar-Moschee

Die Altstadt ist geprägt durch einen sehr speziellen osmanischen Baustil. Die charakteristischen Häuserfronten mit den vielen imposanten Fenstern habe ich in dieser Art sonst noch nirgendwo gesehen. Viele der alten Steinhäuser sind aufwändig und offenbar mit viel Liebe restauriert. Daneben gibt es aber auch extrem viel Verfall. Ganz und halb zusammengefallene Häuser wechseln sich mit echten Schmuckstücken ab. Ein paar zusammenhängende Straßenzüge sind komplett von der Tourismusindustrie vereinnahmt. Souvenirläden, Eiscafés und Restaurants im Wechsel.

Die alles dominierende Burg ist eine der mächtigsten des gesamten Balkans. Die Anfänge stammen aus dem 12. Jahrhundert, also noch aus vorosmanischer Zeit. Das heutige Erscheinungsbild geht allerdings im Wesentlichen auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, die Zeit des berühmten Ali Pascha. Von oben hat man einen wahrlich imposanten Blick auf die gesamte Stadt und das langgezogene Drina-Tal. Während ich oben bin, ruft der Muezzin vom Minarett der Bazaar-Moschee zum Gebet und vermittelt ein Gefühl von tiefstem Orient.

Typischer osmanischer Baustil
Bazaar-Moschee

Um mein nächstes Ziel, den Badeort Ksamil am Adriatischen Meer zu erreichen, muss ich erst einmal eine hohe Gebirgskette mit engen Straßen und vielen Serpentinen überwinden. Ksamil liegt genau gegenüber der griechischen Insel Korfu, die nur einen Steinwurf weit entfernt zu sein scheint, und ist für die Albaner ein beliebter Ferienort.

Am Strand von Ksamil. Im Hintergrund die griechische Insel Korfu

Der weitere Weg an der Küste entlang entwickelt sich zu einer zähen Geschichte. Ständig geht es in engen Kurven rauf und runter. In den ersten drei Stunden ab Ksamil schaffe ich im Mittel gerade einmal 35 km/h. Manche Aufstiege sind so steil, dass ich in den ersten Gang schalten muss. Allrad kann ich gerade noch vermeiden. Kurz hinter Himarë taucht vor mir ein quer zur Küste liegender, hoher Berg auf, der schon von weitem durch ein markantes Zickzack-Muster in seiner Flanke auffällt. Das ist die Straße, und da muss ich hoch, vom Meeresufer rauf auf über 1.000 m Höhe.

Nach Überqueren der Passhöhe in wieder flacherem Gelände ändert sich die Situation dann ganz entscheidend. Denn unvermittelt taucht ein Abzweig auf zu einer nagelneuen Straße mit Wegweisern in Richtung Tirana, die mein Navigationssystem noch gar nicht kennt. Und auf einmal geht alles wie geschmiert. Nur ein paar wenige Baustellenabschnitte mit roten Ampeln sorgen noch für kurze Aufenthalte.

Nagelneue, gerade freigegebene Straße im Hinterland als Bypass zur kurvigen Küstenstraße

Hinter Vlorë wird aus der neuen Straße sogar eine richtige vierspurige Autobahn, die allerdings hin und wieder durch nichtausgebaute Teilstrecken unterbrochen ist. Die Übergänge von nagelneuen Autobahnabschnitten in regelrechte Schlaglochpisten sind oft geradezu abenteuerlich und kommen auch schon einmal unangekündigt und somit völlig überraschend daher. Auch kann man auf der Autobahn problemlos an jedem Geschäft oder Restaurant am Wegesrand anhalten, wovon die Verkehrsteilnehmer fleißig Gebrauch machen. Man muss folglich ständig gut aufpassen und auf Überraschungen gefasst sein.

Das Landschaftsbild in Albanien ist geprägt durch angefangene, aber nicht fertiggestellte Gebäude. Man könnte meinen, die Albaner sind Meister im Ruinen-Bauen. Auch am Straßenrand aufgetürmte Schutthaufen bestimmen in hohem Maße das Gesamtbild. Insgesamt macht Albanien auf mich einen ziemlich unaufgeräumten Eindruck.

Ausdrücklich betonen möchte ich an dieser Stelle, dass die Menschen in Albanien mir gegenüber immer freundlich und entgegenkommend aufgetreten sind, was übrigens uneingeschränkt auch für alle anderen auf dieser Osteuropa- und Balkan-Reise von mir besuchten Länder gilt. Häufig gehörte Vorurteile bzgl. Gefährlichkeit und Kriminalität kann ich überhaupt nicht bestätigen.

Etwas südlich der Hafenstadt Durrës erwische ich auf einem gut besuchten Campingplatz einen wunderschönen Stellplatz unmittelbar am Strand. Natürlich nutze ich die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Bad. Beim Zurückschwimmen zum Ufer spüre ich plötzlich einen flächigen und stechenden Schmerz im rechten Arm und weiß sofort, was passiert ist. Eine Nesselqualle oder Medusa hat mich erwischt. Das Gift dieses netten Tierchens sorgt für einen ziemlich heftigen Hautausschlag, der mir wenig Freude bereitet und über mehrere Wochen erhalten bleibt.

Stellplatz am Strand südlich von Durrës
Hautausschlag am Tag nach der Medusa-Attacke

Für den nächsten Tag habe ich in Velipojë kurz vor der Grenze nach Montenegro ein Treffen mit Elsbeth und Bernd, Freunden von den Stuttgarter Globetrottern, vereinbart. Die beiden sind mit ihrem Wohnmobil aus Deutschland kommend gerade in Albanien eingetroffen. Auf dem Weg zum Treffpunkt mache ich noch einen Schlenker in die Großstadt Shkodër, um dort in einem Supermarkt meine Vorräte umfassend aufzustocken. Doch dieses Vorhaben scheitert. Die gesamte Innenstadt ist verstopft, es gibt einfach kein Durchkommen.

Nach längerer Zeit im Stau drehe ich um und kaufe etwas später das Allernötigste in einem kleinen Dorfladen am Wegrand ein. Fast zeitgleich treffen Elsbeth, Bernd und ich dann gegen Mittag am vereinbarten Treffpunkt ein, wo wir anschließend einen sehr angenehmen Nachmittag und Abend miteinander verbringen.

Gemütlicher Abend mit Elsbeth und Bernd

Wie jedes Mal vertanke ich vor einer Grenze das noch vorhandene Restgeld, dieses Mal sind es albanische Lek, und erreiche bei leichtem Regen die Grenzabfertigung. Noch auf albanischer Seite setzt ein montenegrinischer Zöllner einen Stempel in meinen Pass. Dass es ein Montenegriner ist, kapiere ich aber erst, als jenseits der Grenze gar nichts mehr passiert. Da ist ganz einfach niemand. Aber der Stempel im Pass beweist, dass ich legal in Montenegro eingereist bin.

In Montenegro zahlt man mit Euro, obwohl das Land weder zur EU noch zur Euro-Zone gehört. Das empfinde ich als ganz angenehm, da das immer wieder lästige und auch teure Geld-Umtauschen dadurch dieses Mal entfällt.

Altstadt von Budva mit Festung im Hintergrund
Blick über die Altstadt von Budva

In Budva sehe ich mir die sehr schöne Altstadt mit Festung und Hafen an und fahre dann weiter zu einem Campingplatz in Stoliv an der landschaftlich beeindruckenden Bucht von Kotor, den mir meine Schwiegertochter Sonja ans Herz gelegt hat. Sie und mein Sohn Karl haben im Juni mit einem geliehenen Wohnmobil Kroatien und Montenegro bereist und sind somit für mich wichtige Informationsquellen, was gute Stellplätze angeht. Der empfohlene Platz ist nur über außerordentlich enge Straßen am Ufer entlang zu erreichen, liegt dafür aber direkt am Wasser und ermöglicht somit immer wieder herrlich erfrischende Schwimmrunden im angenehm temperierten Meer. Medusen gibt es nach Aussage des Campingplatzchefs hier angeblich keine, was ich erfreut zur Kenntnis nehme.

Bucht von Kotor, vom Campingplatz in Stoliv aus gesehen

Elsbeth und Bernd hatten berichtet, dass Kroatien empfiehlt, sich bzgl. Corona elektronisch vorab im Land anzumelden, um den Einreiseprozess an der Grenze zu beschleunigen. Also lade ich am Abend das entsprechende Formular herunter, fülle es aus, bekomme die Anmeldung auch sofort nach wenigen Sekunden bestätigt und werde aufgefordert, diese auszudrucken und vorne in die Windschutzscheibe zu kleben. Das Ganze bedeutet viel Arbeit, ist aber völlig vergebliche Liebesmüh, wie ich später feststellen muss. Denn an der Grenze interessiert sich niemand dafür.

In den frühen Morgenstunden gibt es ein sehr merkwürdiges Gewitter. Es rumpelt praktisch ununterbrochen, wahrscheinlich wird das Echo durch die hohen Berge ständig hin und her reflektiert, aber erst etwa eine Stunde nach Beginn dieses Vorspiels beginnt es tatsächlich heftig zu regnen. Bald ist der Regen wieder vorbei, die Sonne kommt heraus, und ich fahre mit dem Fahrrad die etwa 10 Kilometer nach Kotor ganz am Ende der Bucht, um mir diese geschichtsträchtige Stadt anzusehen, die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Immer wieder wurde sie von schweren Erdbeben heimgesucht, zuletzt 1979, aber immer wieder auch neu aufgebaut.

Kotor mit Stadtmauer, die sich hinter der Stadt in Bildmitte steil den Berg hochzieht
Auf dem Waffenplatz von Kotor, rechts der Uhrenturm
In den engen Gassen von Kotor

Die Stadtmauer zieht sich hinter der Stadt steil den Berg hoch und wird in schwindelnder Höhe von einer von den Venezianern gebauten Festung gekrönt. Eine in ihrer Gesamthöhe sehr ungewöhnliche Stadtbefestigung. Man kann zur Festung hochklettern, muss das zum Glück aber nicht. Ich sehe mich lieber unten um, in den engen Gassen mit ihren vielen Baudenkmälern und auf dem vom Uhrenturm dominierten Waffenplatz, auf dem früher Urteile verkündet und auch vollstreckt wurden.

Die Weiterfahrt nach Kroatien beginnt mit einer kurzen Fährfahrt auf die andere Seite der Bucht. Bald darauf fängt es leicht an zu regnen. In der Kleinstadt Herceg Novi kurz vor der Grenze führt die Straße in einer Linkskurve leicht den Berg hinunter. An einer roten Ampel vor mir stehen bereits zwei PKW. Ich bin mit vielleicht 40 km/h unterwegs, will anhalten und bremse ganz normal, doch völlig überraschenderweise blockieren die Räder auf der nassen Straße, und Leoni rutscht dem Trägheitsgesetz entsprechend nach rechts von der Fahrbahn herunter. Den Aufprall auf die beiden PKW kann ich haarscharf gerade noch vermeiden, dafür brettere ich rechts in eine Reihe am Straßenrand stehender Müllcontainer hinein. Es scheppert gewaltig, der rechte Spiegel wird abgerissen, die Beifahrertür eingedrückt und auch die Kabinentür beschädigt. Aber Leoni ist zum Glück weiterhin fahrbereit. Alle wichtigen Teile sind noch funktionsfähig. Die Seitenscheibe ist ganz geblieben, die Treppe zur Kabine erstaunlicherweise auch, und sogar die Beifahrertür lässt sich noch öffnen und schließen. Als ich die Scherben aufsammele, stelle ich fest, dass der Außenspiegel schon ganz von alleine den Weg in einen der offenen Müllcontainer gefunden hat. Der wusste, was sich gehört.

Zwei Männer haben den Crash beobachtet und kommen hinzu. Zuerst wollen sie mich zur Polizei in einem großen Gebäude in Sichtweite auf der anderen Straßenseite schicken. Als sich dann jedoch zufällig ein Polizeifahrzeug nähert, bedeuten sie mir, erst einmal schnell in die Einfahrt, vor der wir im Augenblick stehen, hineinzufahren, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Die Beiden versichern, die leicht verbogene Halterung der Müllcontainer wieder zurechtbiegen zu wollen, und fordern mich schließlich auf weiterzufahren. Die von der Kollision betroffenen metallenen Müllcontainer waren auch vorher schon ziemlich verbeult, so dass ich mich entscheide, dem Vorschlag Folge zu leisten. Die Beiden bekommen für die versprochene Reparatur der Halterung 20 Euro, und ich fahre weiter zur nahen Grenze, wo ich zügig und schnell abgefertigt werde.

Unfallschaden an der Beifahrertür

Schon nach wenigen Kilometern ist Dubrovnik erreicht. Nach einem kurzen Fotostopp fahre ich oberhalb an dieser berühmten Stadt vorbei zu einem Campingplatz etwa 14 km nördlich und von dort mit dem öffentlichen Bus zur Stadtbesichtigung zurück.

Blick auf Dubrovnik

Dubrovnik war über viele Jahrhunderte ein unabhängiger Stadtstaat und schaffte es mit viel Geschick, sich Türken, Venezianer und andere Regionalmächte vom Hals zu halten. Das Wort Libertas, Freiheit, begegnet einem in der Stadt auch heute noch an fast jeder Ecke. Im 16. Jahrhundert hatte Dubrovnik noch unter dem alten Namen Ragusa die drittgrößte Handelsflotte der Welt und kam zu beträchtlichem Wohlstand. Ein schweres Erdbeben im Jahr 1667 setzte der Stadt dann allerdings erheblich zu, und auch im Kroatienkrieg 1991/92 wurde die Stadt durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt. Davon merkt man heute allerdings kaum noch etwas. Die Stadt wirkt wie aus einem Guss und wurde von der UNESCO in die Liste der Weltkulturgüter aufgenommen.

Stadtbefestigung von Dubrovnik
Die engen schattenspendenden Gassen von Dubrovnik
Der Stradun, die Prachtstraße von Dubrovnik

Die Begehung der imposanten Stadtmauer ist eines der Highlights von Dubrovnik, das einem von jedem Reiseführer ans Herz gelegt wird. Man muss dafür allerdings viel Geld auf den Tisch legen, nämlich 200 Kuna. Das sind immerhin ungefähr 30 Euro. Der im Internet angegebene Wechselkurs beträgt 7,49 Kuna für einen Euro, und in einer Wechselstube in der Stadt bekomme ich 7,1 Kuna für den Euro, was ich noch akzeptabel finde. Auf das Thema Geldwechsel in Kroatien komme ich später noch einmal zurück.

Blick über Dubrovnik und den Hafen. Im Hintergrund Kreuzfahrtschiffe

Im Nachhinein bereue ich die Investition der 200 Kuna für den gut zwei Kilometer langen Rundgang auf der Stadtmauer kein bisschen. Er ist dieses Geld aus meiner Sicht auf jeden Fall wert. Der Weg geht ständig rauf und runter und ist ohne Frage auch wegen der heißen Mittagssonne ausgesprochen anstrengend. Aber die Ausblicke, die ich dabei genießen kann, sind mehr als außergewöhnlich. Eine spektakulärere Stadtmauerbegehung habe ich jedenfalls nach meiner Erinnerung noch nicht erlebt. Es ist wirklich einfach toll. (Kleiner Hinweis: Die chinesische Mauer ist bei diesem Vergleich außen vor, da keine Stadtmauer.)

Auf dem Weg von Dubrovnik nach Norden führt die Straße ein kleines Stück durch Bosnien-Herzegowina. Durch den Bau einer riesigen Brücke will Kroatien diesen störenden Umstand beseitigen und die Strecke komplett über eigenes Staatsgebiet führen. Noch ist es allerdings nicht so weit. Die Brücke ist noch nicht komplett fertiggestellt.

Im Bau befindliche Brücke zur Umgehung des Staatsgebietes von Bosnien-Herzegowina

Zweimal innerhalb kürzester Zeit ist also eine Grenze zu passieren, die zudem noch eine Außengrenze der EU ist. So ganz ernst genommen wird dieses Thema aber offenbar nicht. Denn beide Grenzüberquerungen dauern jeweils nicht länger als eine typische rote Ampelphase. Überreichte Pässe und Kfz-Scheine kommen innerhalb von Sekunden wieder zurück. Nach dem Impfstatus wird gar nicht erst gefragt.

Bei Leoni stehen turnusgemäß Öl- und Filterwechsel sowie Abschmieren an. Hinzu kommt als neues Thema der seit dem Unfall in Montenegro fehlende rechte Außenspiegel. Wie wichtig der ist, wird erst so richtig klar, seit er nicht mehr da ist. Nach Überholvorgängen beispielsweise ist das Wiedereinscheren jetzt der reine Blindflug. Auch das Rangieren beim Ein- und Ausparken ist erheblich erschwert.

Als Anlaufstelle zur Lösung dieser Probleme habe ich einen Bosch Service in Split ausgesucht. Ich finde problemlos hin und werde sofort bedient. Vielleicht hilft dabei mein diskreter Hinweis auf meine frühere fast dreißigjährige Zugehörigkeit zum Bosch-Konzern.

Leoni beim Bosch Service in Split

Interessanterweise bekommen die Monteure zunächst die Motorhaube nicht auf. Denn die hat sich bei dem Unfall offenbar leicht verzogen. Ein halbwegs passender LKW-Spiegel wird montiert, und nach knapp zwei Stunden ist der Gesamtauftrag abgearbeitet. Mein Versuch, den neuen Spiegel zur Sicherheit mit Tape am Schnorchel zu befestigen, wird von den Monteuren unterbunden. Das sei nicht mehr nötig. Die Befestigung sei jetzt fest und sicher arretiert. Ich füge mich, und das Ganze hält tatsächlich ein paar Tage, bis der Spiegel bei einer holprigen Pistenfahrt wieder nach innen klappt und ich doch noch tapen muss.

Die nächsten beiden Tage verbringe ich auf einem winzigen, geradezu familiären Stellplatz 20 km südlich von Split. Eine hüfthohe, luftige Mauer mit einem kleinen Törchen bildet die Abgrenzung zum direkt davor liegenden Strand. Es ist der vielleicht angenehmste Stellplatz der gesamten Reise. Er bietet geradezu perfekte Bademöglichkeiten. Denn es sind nicht einmal zehn Meter von Leoni bis ins wunderbar warme Wasser der Adria.

Hinter Mäuerchen versteckter Stellplatz südlich von Split
Keine zehn Meter von Leoni bis ins Meer

Natürlich sehe ich mir auch die Altstadt von Split an. In ihrem Zentrum befindet sich als absolutes Highlight der erstaunlich gut erhaltene Palast des römischen Kaisers Diokletian. Dieser wurde als repräsentativer Alterssitz des Kaisers, der ganz in der Nähe geboren wurde, gebaut und hat mit 215 m x 180 m Fläche riesige Ausmaße. Diokletian war der letzte Kaiser, der die Christen erbarmungslos verfolgen ließ. Seine Nachfolger erließen dann die im Zusammenhang mit Sofia bereits erwähnten Emanzipationsedikte von 311 und 313. Im Jahr 305 dankte Diokletian ab, blieb aber weiterhin äußerst einflussreich. Während der gesamten römischen Geschichte war er der einzige Kaiser, der sein Amt aus freien Stücken aufgab.

In der Altstadt von Split, knapp außerhalb des Diokletianpalastes
So sah der Diokletianpalast ursprünglich aus.

Die Stadt Split wurde im Laufe der Jahrhunderte um den Diokletianpalast herumgebaut. Praktisch alle Architekturepochen des Abendlandes lassen sich innerhalb und außerhalb des Palastes finden. Mit dem Jupitertempel und Teilen der Domnius-Kathedrale, die ursprünglich als Mausoleum für Diokletian vorgesehen war, sind aber eben auch viele römische Bauteile nahezu perfekt erhalten. Das gilt auch für die wuchtigen Ecktürme des Palastes sowie große Teile der Umfassungsmauer. Die UNESCO hat die Altstadt von Split mit dem Palast im Zentrum bereits 1979 zum Weltkulturerbe erklärt.

Die nördliche Palastmauer
Im Peristyl des Palastes
Legionäre als beliebte Foto-Objekte

Eine sehr unschöne Begebenheit aus Split möchte ich noch erwähnen. In einer Wechselstube tausche ich 150 Euro in Kuna, schiebe die Scheine unter einer Glasscheibe hindurch und nehme das kroatische Geld und die ausgedruckte Abrechnung entgegen. Beim Blick darauf glaube ich, nicht richtig zu sehen. Der Kurs ist mit 6,07 Kuna pro Euro angegeben. Zur Erinnerung: Laut Internet sind es 7,49 Kuna, und in Dubrovnik hatte ich in einer Wechselstube 7,1 Kuna erhalten.

Jetzt muss man wissen, dass so gut wie alle Wechselstuben in Split in großen Lettern mit „No commission“ werben. Ich habe in der Folge genau darauf geachtet. Und keine einzige habe ich gesehen, die den Wechselkurs für Euro oder Dollar offen gezeigt hätte, was sonst überall auf der Welt Standard ist. Dies ist ein ganz klar systematisches Vorgehen. Nach meinem Gefühl habe ich auch nirgendwo auf der Welt jemals eine solche Häufung von Wechselstuben gesehen. Alle paar Meter gibt es eine. Vermutlich gibt es keine Möglichkeit, einfacher und schneller „Geld zu machen“ als auf diese Art. „Geld zu verdienen“ will ich bewusst nicht schreiben. Das Ganze ist reine Abzocke und für meine Begriffe schlicht kriminell, wird aber erstaunlicherweise offenbar geduldet.

Meine Strategie, an Wechselstuben Bargeld zu wechseln statt am ATM mit der Karte Geld zu ziehen, scheint in Kroatien nicht überall zu funktionieren. Ein Test ein paar Tage später an einem ATM in Skradin erbringt einen Kurs von 6,87 Kuna.

Rechts in Bildmitte Trogir, links im Hintergrund Split

Trogir liegt auf einer kleinen Insel, nur 20 km von Split entfernt, und ist ebenfalls eine wunderschöne alte Stadt, die ebenso wie Split auf griechische und römische Wurzeln zurückgeht. Den stärksten Einfluss auf das heutige Stadtbild übten jedoch die Venezianer aus, die im Jahre 1420 die Stadt übernahmen. Seit 1997 gehört auch Trogir zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es macht viel Spaß, durch die engen Gassen der Stadt zu laufen. Das architektonische Highlight ist die Kathedrale Sv. Lovro (Hl. Laurentius) mit dem romanischen Portal aus dem Jahre 1240.

Blick auf Trogir vom Hafen aus. Im Hintergrund der Turm der Kathedrale Sv. Lovro
Romanisches Portal der Kathedrale Sv. Lovro aus dem Jahr 1240
Die engen Gassen von Trogir
Die venezianische Festung Kamerlengo in Trogir

Der von mir in Trogir genutze Parkplatz weist eine mir bisher noch nicht begegnete Besonderheit auf. Auf dem beim Einfahren gezogenen Parkschein ist Leonis Kennzeichen aufgedruckt. Und beim Ausfahren öffnet die Schranke, ohne dass ich den inzwischen bezahlten Parkschein eingeschoben hätte. Moderne Technik.

Parkschein mit Leonis Kennzeichen

Mein nächstes Ziel ist das Südende des Krka Nationalparks mit den Wasserfällen des Skradinski buk. Auf rund 800 m Länge ergießen sich hier die Wassermassen des Krka über 17 Stufen und überwinden dabei eine Höhe von 45 m. Über ein Netz von Pfaden mit vielen Holzstegen kann man die durchaus schönen Wasserfälle begehen und genießen. Als nicht angemessen empfinde ich den Eintrittspreis von 200 Kuna, etwa 30 Euro. Vielleicht wirkt es arrogant, wenn ich hier eine etwas spöttische Überlegung anbringe, aber im Vergleich müsste dann der Eintrittspreis zu den von mir zweimal besuchten Iguassú-Wasserfällen in Südamerika mindestens 3.000 Euro betragen.

Wasserfälle von Skradinski buk im Krka Nationalpark
Manojlovacer Wasserfall im Krka Nationalpark

Für den Besuch des ebenfalls durchaus attraktiven Manojlovacer Wasserfalls am Nordende des Krka Nationalparks werde ich am folgenden Tag noch einmal mit 40 Kuna zur Kasse gebeten. Allerdings ist der Besuch des aus dem 1. Jahrhundert nach Christus stammenden römischen Feldlagers Burnum in diesem Preis enthalten. Das Ganze sieht aber ziemlich nagelneu aus und wirkt eher wie Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts nach Christus.

Eingang zum Amphitheater von Burnum

Ein Geheimtipp meiner Schwiegertochter Sonja bezüglich eines besonders attraktiven Übernachtungsplatzes betrifft einen kleinen, unbefestigten Parkplatz oberhalb der nur zu Fuß erreichbaren Brücke Kudin Most über einen fotogenen kleinen Fluss, der sich durch sehr unzugängliches Terrain schlängelt. Dieser Platz ist auch in der App park4night enthalten und mit der Höchstnote 5.0 bewertet. Auf dem Weg dorthin führt mich mein Navigationssystem zuerst auf einspurige, aber immerhin noch asphaltierte Wege und anschließend dann über Pisten.

Auf dem Weg nach Kudin Most
Unwegsames malerisches Gelände oberhalb der Brücke Kudin Most

Ich streife ein bisschen durch das ziemlich unwegsame, mit Macchia bewachsene Gelände und genieße die wunderbaren Ausblicke auf Schlucht und Fluss. Und obwohl mein lädierter rechter Fuß inzwischen deutlich weniger Probleme macht, breche ich den sehr unebenen Weg hinunter zur Brücke auf halber Höhe ab und gehe zurück. Ich will keinen erneuten Ärger mit dem Fuß riskieren. Es folgt ein ruhiger, beschaulicher Abend mit einem sehr stimmungsvollen Sonnenuntergang hinter den Bergen auf der anderen Seite des Flusses und dem einen oder anderen kalten Bier.

Blick aus Leonis Kabinentür am frühen Morgen

Am nächsten Morgen bimmelt es draußen heftig und ununterbrochen. Vor Leonis Kabinentür steht eine ganze Herde weidender Kühe, von denen manche große Kuhglocken umgebunden haben, die bei jeder Bewegung ein Höllenspektakel machen.

Die nur etwa 100 km weiter nordöstlich liegenden Plitwitzer Seen, die auch zum UNESCO-Welterbe gehören, sind schnell erreicht. Sie sind das wahrscheinlich bekannteste und am häufigsten von Touristen besuchte Ziel in Kroatien und entsprechend überlaufen. Da hilft auch nicht, dass es inzwischen schon Ende September ist. Ich muss an einen Spruch aus lonely planet denken, der sinngemäß und leicht angepasst so geht: Genieße die Einsamkeit und Ruhe der Plitwitzer Seen gemeinsam mit zehntausend Deiner besten Freunde. So ähnlich ist es dann auch, vor allem in den Bereichen, wo man bequem mit Auto, Bus oder Schiff hinkommt, also an den Eingängen und Schiffsanlegestellen. Weiter weg im Hinterland ist es dagegen deutlich ruhiger.

Der Eintrittspreis ist happig. Ich zahle 250 Kuna, das sind beim oben genannten ATM-Wechselkurs von 6,87 gut 36 Euro. In der Hauptsaison sind sogar 300 Kuna fällig, also fast 44 Euro. Für das Parken am Eingang 1 werden mir weitere 100 Kuna abgeknöpft, also knapp 15 Euro nur für ein paar Stunden Parken mitten im Wald. Die Plitwitzer Seen sind wirklich schön, aber ich finde diese Preisgestaltung übertrieben. Mir geht erneut der Preisvergleich mit Iguassú durch den Kopf.

Als ich am Ticketschalter nach einem Prospekt mit einer Wegekarte frage, werde ich an den benachbarten Informationsstand verwiesen. Dort will man mir einen entsprechenden Flyer nicht etwa einfach überreichen, sondern verkaufen. Ich weise darauf hin, dass ich gerade 250 Kuna Eintritt bezahlt habe und der Flyer maximal einen oder zwei Kuna kostet. Das Geschäft kommt nicht zustande. Die Parkverwaltung kann seine Flyer behalten.

Übersicht über das Gelände der Plitwitzer Seen
Das von mir gewählte Programm K. Mit Start am Eingang 1

Man kann die Wanderwege auch von aufgestellten großen Tafeln abfotografieren, kommt also gut ohne den Flyer aus. Ich entscheide mich für das Programm K, das längste im Angebot. Nach fünfeinhalb Stunden Laufzeit habe ich die Tour abgearbeitet. Die Wege sind zum großen Teil naturbelassen und gut begehbar, und mein rechter Fuß macht ganz gut mit, auch wenn ich ihn gegen Ende der Wanderung etwas stärker als gewünscht wahrnehme.

Der vordere Bereich der Seen, in den gezeigten Skizzen jeweils auf der rechten Seite

Die insgesamt 16 Plitwitzer Seen sind in einer langen Schlucht terrassenförmig hintereinander aufgereiht und über eine Vielzahl der unterschiedlichsten Wasserfälle miteinander verbunden. Viele der verschiedenen Wege führen unmittelbar am Seeufer entlang, aber es gibt auch unzählige Holzstege und kleine Brücken, mit denen die vielen kleineren Gewässer und Sumpfgebiete trockenen Fußes überquert werden können. Auf dem größten See ist zudem noch ein Bootsverkehr eingerichtet, der vor allem von den etwas fußfauleren Besuchern fleißig genutzt wird.

Doch zumindest bei meinem Programm K geht es an vielen Stellen auch kräftig rauf und runter. Der Weg hat durchaus eine erhebliche dreidimensionale und müde machende Komponente.

Wasserfälle gibt es reichlich – …
… und Touristen auch.

Zweimal starte ich im Park den Versuch, ein Mittagessen zu bekommen. Beide Male will man kein kroatisches Bargeld, sondern nur Kartenzahlung akzeptieren. Ich mache jeweils sehr deutlich, was ich davon halte, dass man in Kroatien das eigene kroatisches Geld nicht akzeptiert. Das Mittagessen fällt aus und wird später durch ein hervorragendes Abendessen in einem Restaurant ganz in der Nähe des Campingplatzes ersetzt, wo man meine kroatischen Kuna sehr gerne akzeptiert.

Ehrlicherweise muss ich nachtragen, dass die Parkverwaltung an einer Stelle doch ein Einsehen mit mir und meinen kulinarischen Gelüsten hat. An einem Eisstand mitten im Park gelingt es mir nämlich tatsächlich, mit ordinärem kroatischem Bargeld ein leckeres Eis am Stiel zu erwerben.

Zurück auf dem Campingplatz erlebe ich dann noch eine unangenehme Überraschung. Ich will die linke Seitenklappe öffnen, um einen Campingstuhl herauszuholen, aber das Schloss klemmt. Nach einigem Gefummel gelingt es mir endlich, die Klappe zu öffnen. Auch das Schließen danach klappt, der nächste Öffnungsversuch dann aber nicht mehr. Ich stelle alle weiteren Versuche ein, denn ich habe als worst case vor Augen, dass ich das offene Fach danach nicht mehr schließen kann. Dann wäre nämlich ein Weiterfahren kaum möglich – oder nur mit erheblichen Klimmzügen. Immerhin hat sich Leoni ja für die „fail safe“-Variante entschieden, mit der ich problemlos weiterfahren kann. Ich muss nur den Rest der Reise ohne Tisch und Stühle auskommen. Denn der Versuch, diese über das Innere der Kabine aus ihrem Stauraum hervorzuholen, scheitert ebenfalls. Die Sachen passen nicht durch die Öffnung.

Die letzte Nacht in Kroatien verbringe ich an der Adria gegenüber der Insel Krk. Mit Mühe schaffe ich es, mich bzw. Leoni im slowenischen Maut-System DARS-GO anzumelden, und bekomme nach Abschluss aller Eingaben erfreulicherweise auch postwendend die elektronische Bestätigung. Slowenien hat wie auch Polen und Österreich für Fahrzeuge > 3,5 t ein streckenabhängiges Bezahlsystem, für das man eine kleine Box braucht, die hinter die Windschutzscheibe geklebt wird.

Diese Box zu erwerben, stellt das jetzt zu lösende Problem dar. Angeblich kann man sie in „grenznahen“ Tankstellen der Marken MOL, OMV und Petrol abholen. Ich fahre auf der Autobahn die letzte Tankstelle vor der slowenischen Grenze an, frage nach dem DARS-GO-System und schaue in ratlose Gesichter. Mein Weg führt danach weiter Richtung Triest, wozu ich die Autobahn verlassen muss. An der allerletzten Tankstelle vor der Grenze vertanke ich die letzten Kuna, bekomme aber auch hier die gewünschte DARS-GO-Box nicht.

Die kroatische Grenzstation ist gar nicht besetzt, und der slowenische Zöllner beschäftigt sich nur flüchtig mit meinem Personalausweis und dem Kfz-Schein. Das Impf-Zertifikat muss ich ihm geradezu aufdrängen. Ein danebenstehender und von mir befragter Polizist weiß nichts über DARS-GO-System. Ich solle zu einer 8 km entfernten Tankstelle weiterfahren und dort nachfragen. Das tue ich. Von dieser Tankstelle Nr. 3 werde ich weitergeschickt zu Tankstelle Nr. 4, dann zu Nr. 5 und Nr. 6. Letztere ist eine OMV-Tankstelle in Kozina, aber nicht etwa an der Durchgangsstraße, sondern gut versteckt im Ortskern gelegen, und sie hat zu meiner großen Freude auch DARS-GO-Boxen vorrätig. Meine gespeicherten Daten sind tatsächlich im elektronischen DARS-System verfügbar. Ich zahle 10 Euro Gebühr und lade die Box mit 50 Euro auf. Das soll angeblich bis zur österreichischen Grenze reichen. Wo ich das Ding wieder abgeben kann, um das Restguthaben zurückzubekommen, weiß leider niemand zu sagen, denn eine Liste mit den Ausgabestellen gibt es offenbar nicht.

Ich schalte das neu erworbene System ein und klebe es hinter die Windschutzscheibe. Kurz darauf auf der Autobahn Richtung Ljubljana piepst es dann. Ich bin freudig erregt. Es funktioniert.

Die frisch erworbene slowenische DARS-GO-Box

Schon nach wenigen Kilometern auf der Autobahn verlasse ich diese wieder und fahre zur nahe gelegenen Höhle Škocjanske jame. Auf einer geführten, 22 Euro teuren Tour geht es zunächst durch einen langen, künstlich angelegten Tunnel hinein in das eigentliche Höhlensystem. Ich erwarte eine der auf der ganzen Welt weit verbreiteten typischen Tropfsteinhöhlen und bin dann doch ziemlich überrascht über das, was ich letztendlich zu sehen bekomme. Denn das Thema Tropfstein spielt nur am Anfang der Tour eine Rolle. Ein Stück weiter geht es in die größte bekannte unterirdische Schlucht der Welt, die auch der Grund für das UNESCO-Welterbe-Siegel der Höhle ist.

Die Abmessungen des von der Reka durchflossenen unterirdischen Canyons sind absolut gigantisch. Dieser erstaunliche Fluss hat wirklich bemerkenswerte Arbeit geleistet. Er bleibt in seinem weiteren Verlauf die nächsten 35 km tief unter der Erde im Karstgestein verborgen und taucht erst in Italien nur 2 km vor seiner Mündung in die Adria als Timavo wieder an der Oberfläche auf. Er gilt als einer der kürzesten Flüsse der Welt, was offensichtlich nicht ganz richtig ist, wenn man die Vorgeschichte des Timavo mitberücksichtigt. Sein unterirdischer Verlauf von Škocjanske jame über die Grenze nach Italien ist übrigens weitgehend unbekannt.

Der Besichtigungsweg durch die Höhle ist abenteuerlich und hochgradig beeindruckend. Es muss eine ungeheure Arbeit gewesen sein, ihn anzulegen. So führt beispielsweise eine Brücke in schwindelnder Höhe von 45 m über den Fluss. Bemerkenswert ist auch die geschickt angelegte indirekte Beleuchtung des Weges. Man sieht immer, wohin man tritt, aber die Umgebung und die unglaubliche Tiefe der Schlucht bleiben weitgehend im Geheimnisvollen und Unbestimmten. Es ist ein wirklich beeindruckendes Schauspiel.

Eine der vielen Dolinen im Gebiet der Höhle Škocjanske jame
Im Innern einer der Dolinen

Wahrscheinlich um den Besucherstrom besser steuern zu können, herrscht in der Höhle ein striktes Fotografier-Verbot. Ich verwende daher in diesem Bericht ein Bild aus dem Fundus des Nationalparks, das auch besagte Cerkvenik-Brücke zeigt. Der schweißtreibende Ausstieg aus der Höhle am Ende der Tour erfolgt dann ebenso wie der Zugang über eine der vielen Dolinen der Gegend.

In der Höhle Škocjanske jame. Im Hintergrund die Cerkvenik-Brücke (Foto der Nationalpark-Verwaltung)
Der Höhlenausgang

Ein weiteres beliebtes Urlaubsziel in Slowenien ist der Bleder See, slowenisch Blejsko jezero, schon ganz in der Nähe des österreichischen Bundeslandes Kärnten bei Villach und Klagenfurt. Der See liegt sehr malerisch am Fuß eines Hochplateaus am Südrand der Alpen und lässt sich mit seinen nur 2,1 km Länge und 1,4 km Breite leicht zu Fuß umrunden. Landschaftlich dominierend sind die hoch über dem See auf einem Felsturm thronende Bleder Burg Blejski grad sowie die kleine Insel Blejski Otok mit der sie fast komplett ausfüllenden Kirche der Muttergottes am See. Interessanterweise ist diese Insel die einzige in Slowenien überhaupt. Ein ungewöhnliches Alleinstellungsmerkmal.

Strandpromenade in Bled. Links im Hintergrund die Bleder Burg
Insel Blejski Otok mit Marienkirche. Rechts die Bleder Burg

An der Autobahntankstelle in Jesenice, der letzten vor der Grenze, hole ich mir die österreichische GO-Box zur Ermittlung der dort anfallenden Straßenmaut, zahle dafür 5 Euro und lasse die Box auf Anraten des jungen Mannes hinter der Kasse mit 100 Euro aufladen. Die slowenische DARS-GO-Box will er leider nicht zurücknehmen. Das geht nach seinen Angaben erst zwei Kilometer weiter. Und wo da genau? Da ist die Grenze – und ein Hinweisschild mit der Aufschrift DARS. Das würde ich dann schon sehen. Nun ja, da bin ich mal gespannt.

Die Grenze liegt mitten im Karawanken-Tunnel, und kurz vor dem Tunneleingang befindet sich eine Mautstelle. Alle PKW müssen anhalten und zahlen. LKW haben eine eigene Spur, die mit dem DARS-Zeichen versehen ist, und fahren einfach durch. Denn diese haben ja die GO-Box. Leoni ist in der Welt der lokal relevanten Straßenmautsysteme bekanntlich ein LKW, und ich verhalte mich entsprechend, fahre ohne anzuhalten weiter, überquere im Tunnel die Grenze nach Österreich und sehe die Abkürzung DARS nie wieder. Es gibt ganz einfach keine Rückgabemöglichkeit für die DARS-GO-Box. Ich kann das Ding folglich jetzt in die Mülltonne werfen. Wieviel von den 50 Euro Deposit noch übrig ist, weiß ich nicht. Hätte die Dame beim Erwerb der DARS-GO-Box von mir ein Deposit von 100 Euro verlangt, wären die zusätzlichen 50 Euro jetzt auch weg. Ein wirklich tolles und ausgereiftes System, zur weltweiten Nachahmung unbedingt empfohlen.

Noch ein kleines Schmankerl zum Grenzübertritt: Auf slowenischer Seite ist kein Offizieller zu sehen, auf österreichischer dagegen schon. Ich nehme die LKW-Spur, werde prompt angehalten und zurechtgewiesen, dass ich nächstes Mal gefälligst die PKW-Spur nehmen soll. Auf meine Entgegnung, dass ich doch einen 4-Tonner-LKW fahre, kommen der Reihe nach erst ungläubiges Staunen, dann Kopfschütteln und schließlich Achselzucken und Abwinken. Kontrolliert wird nichts.

Die österreichische GO-Box

In Salzburg folgt das letzte Kapitel meiner geradezu unendlichen Straßenmaut-Geschichten. Nach nur ziemlich genau dreieinhalb Stunden Einsatz will ich die österreichische GO-Box an der zuständigen Shell-Tankstelle kurz vor der deutschen Grenze zurückgeben. Im Gegensatz zu Slowenien haben die Österreicher ihre GO-Servicestellen im Internet angegeben, was ja wirklich viel Sinn macht.

Das sich jetzt in Salzburg ergebende Problem: Die Rückgabe geht nur auf der entgegengesetzten Seite der Autobahn. Das heißt, die Abgabe der in Österreich eingesetzten gebrauchten GO-Box bei der Ausreise aus Österreich geht nur auf der Einreise-Seite nach Österreich. Diese verquere Logik erschließt sich mir auch bei längerem Nachdenken nicht, tut mir leid.

Ich werde zu Fuß durch einen für Fußgänger explizit verbotenen Tunnel auf die andere Seite der Autobahn geschickt. Die Rückgabe der GO-Box funktioniert dann immerhin, und ich bekomme etwas mehr als 16 Euro zurück – von 105 eingesetzten Euro. Das heißt, dass die kurze Fahrt durch das schöne Österreich mich mehr als 88 Euro Maut gekostet hat, was mich zugegebenermaßen schon zum Nachdenken bringt. Vielleicht werde ich am Ende ja doch noch ein Fan von Andy Scheuer.

Vollsperrung der Autobahn A8. Willkommen in Deutschland!

Nur die deutsche Seite der Grenze ist besetzt, aber die deutsche Polizei beweist Menschenkenntnis und winkt mich ohne Kontrolle durch. Und eine gute halbe Stunde später stehe ich auf der A8 im Stau. Vollsperrung der Autobahn. Willkommen in Deutschland. Eine Dreiviertelstunde später geht es ein paar Meter vorwärts, und es kommt eine Notausfahrt nur für den Dienstgebrauch (oder wie das genau heißt) in Reichweite. Ich bin natürlich in Not und irgendwie wohl auch im Dienst und nutze meine Chance. Ganz in der Nähe verbringe ich die Nacht und erreiche am nächsten Tag, am 2. Oktober, nach genau zweimonatiger Reise und gut 7.000 gefahrenen Kilometern wieder unser Zuhause in Renningen, wo Hildegard mich erwartet.

Die Route auf Leonis Seitenwand

Fazit: Es war eine Reise, um einen ersten Überblick zu gewinnen über eine ganze Vielzahl von Ländern in Osteuropa und auf dem Balkan, die ich bisher noch nicht besucht hatte. Diese Funktion hat die Reise auch voll erfüllt. Aber in jedem Land konnte ich mir aus Zeitgründen leider nur einige wenige Highlights herauspicken. Insofern hatte die Reise auch immer etwas von „See Europe in three days“. Einige Länder und Regionen hätten ganz sicher mehr Zeit und Aufmerksamkeit verdient gehabt. Vielleicht ergibt sich dafür in Zukunft eine neue Chance.

 

Nachklapp:

Am 6.10.2021 lasse ich meinen in der Ukraine am 24.8. umgeknickten rechten Fuß röntgen. Ergebnis: Ein Knochen im Fuß ist gebrochen, inzwischen aber wieder dabei zusammenzuwachsen.

2 Comments

  1. Bernd said:

    Hallo Franz,
    unser Treffen in Albanien war sehr schön aber leider viel zu kurz. In Deinem Bericht schreibst Du viel über die moderne Wegelagerei (Maut) verschiedener Länder. Genau dasselbe schränkt bei mir auch immer mehr alle Urlaubsfreuden ein, wenn ich auf Europas Straßen unterwegs bin. Pickerl da, Tunnelgebühr dort und dann die Halt-Maut-Schranken mit Zahlungsoptionen, für die man einen Lehrgang braucht. Und wehe, man gerät versehentlich auf so eine Mautstraße. Letztens bekam ich einen Brief aus Schweden, indem ich aufgefordert wurde, 0,89 Euro (in Worten 89 Cent) zu überweisen, weil ich in Göteborg keine andere Möglichkeit hatte, 1 km auf der Autobahn zu fahren. Alleine das Porto und der Verwaltungsaufwand hat die Schweden bestimmt 20 Euro gekostet. Immerhin haben die diese Kosten nicht an mich weitergegeben, so dass ich nur 89 Cent überweisen musste. Aber das Beispiel zeigt, wie in Sachen Wegelagerei heutzutage gearbeitet wird. Na, und Andy Scheuer und sein Vorgänger Dobrinth haben auch mehr Geld zum Fenster hinausgeworfen, als jemals durch Maut wieder reingeholt werden kann.
    Es bleibt uns leider nichts anderes übrig, als weiterhin Maut zu zahlen oder einfach die Landstraßen zu benutzen. Dann hat man auch mehr von Land und Leuten.
    Gruß Bernd

    4. November 2021
    Reply
  2. Hans- H. Henze said:

    Hallo Herr Thoren,
    schön zu sehen, dass Sie noch immer in der Welt unterwegs sind.
    Im Jan. 22 werde ich in den Ruhestand gehen und dann ….mal sehen welche Welt dann auf mich wartet.
    Mein Sohn lebt und arbeitet seit einem Jahr in Stuttgart und somit bin ich auch öfter im Ländle. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass wir uns dort einmal auf ein Bier treffen und einen Schnack halten. Es würde mich freuen.
    Alles Gute für Sie, wo immer Sie auch gerade sind.
    Hans-H. Henze
    Handy: 0151/56974828

    1. Dezember 2021
    Reply

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