Abstecher zur Osterinsel

Wir lassen Leoni bei Benita und André in Santiago zurück und fliegen für eine Woche zur Osterinsel. Es ist für mich nach 1998 der zweite Besuch dort, und ich bin gespannt, wie sich die Insel seitdem verändert hat.
Rapa Nui, wie die Insel in der Sprache der polynesischen Bewohner heißt, die sich ebenfalls Rapa Nui nennen und Rapanui sprechen, ist eine ganz besondere Destination. Knapp außerhalb der Tropen in der Südsee gelegen ist die Insel extrem weit von den nächsten bewohnten Orten entfernt. Pitcairn mit seinen nur ganz wenigen Einwohnern liegt 1.900 km im Westen, die Marquesas sind 3.200 km entfernt und der südamerikanische Kontinent sogar fast 3.800 km. Die Osterinsel wird oft der isolierteste Fleck menschlicher Besiedlung auf Erden genannt.
Besiedelt wurde die Osterinsel irgendwann zwischen 400 n.Chr. und 1200 n.Chr. Die Wissenschaftler sind sich darüber nicht einig. Klar jedoch ist inzwischen, dass die Besiedlung von Westen, von Polynesien aus, geschah und nicht, wie Thor Heyerdahl mit seiner legendären Kontiki nachzuweisen suchte, von Südamerika aus. Genetische Untersuchungen haben das eindeutig bewiesen. Es gab allerdings auch Kontakte zu Südamerika, was einige auf der Osterinsel gefundene Kulturpflanzen belegen. Der Legende nach ging Hotu Matua mit seinem Gefolge am Strand von Anakena an der Nordküste der nur 166 qkm großen Insel an Land und nahm sie in Besitz.

Nicht abtransportierte Moais im Steinbruch von Rano Raraku
Nicht abtransportierte Moais im Steinbruch von Rano Raraku

Ostern 1722 wurde Rapa Nui vom holländischen Kapitän Jacob Roggeveen auf der Suche nach dem unbekannten Südland, der Terra Australis Incognita, für die westliche Welt entdeckt. Roggeveen war überrascht über die kolossalen, Moai genannten Steinfiguren, die er auf der Insel vorfand, viele noch aufrecht auf ihren Ahu genannten Plattformen stehend, viele jedoch schon bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Clans mutwillig umgestürzt. Die inselinternen Kämpfe gingen weiter, und 1838 stand nur noch ein einziger Moai aufrecht auf seinem Ahu. Kurz darauf wurde auch dieser mit 10 m Länge größte Moai, der jemals aufgerichtet wurde, von seiner Plattform, dem Ahu Te Pito Kura an der Nordküste gestürzt. Der durchschnittliche Moai ist gemäß wissenschaftlichen Analysen mit gut 4 m deutlich kleiner, aber immerhin auch noch eindrucksvolle 12,5 Tonnen schwer.
Alle Moai stammen aus dem Steinbruch am Rano Raraku und wurden von dort mühsam quer über die Insel bis zu ihrem vorgesehenen Stellplatz transportiert. Wie das genau geschah, ist nicht ganz klar. Manche Wissenschaftler glauben, dass sie auf Baumstämmen gerollt oder auf Holzschlitten gezogen wurden. Andere gehen davon aus, dass sie aufrecht „gegangen“ sind, d.h. mit Stricken aufrecht gehalten vorwärts geschaukelt wurden. Vielleicht war es auch eine Kombination dieser verschiedenen Techniken. Von den 887 erfassten Moai haben allerdings nur 288, also weniger als ein Drittel, die für sie bestimmte Plattform erreicht. Der Rest ist auf dem Weg zu Bruch gegangen oder wurde im Steinbruch gar nicht erst fertig gestellt. Allein im Bereich des Steinbruchs von Rano Raraku wurden 397 fertige, halbfertige oder gerade erst angefangene Moais gefunden.
Von Thor Heyerdahl wurden die ersten Moais in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder aufgestellt. Schon 1960 warf dann ein Tsunami alle Moais des Ahu Tongariki, des mit 15 Moais größten aller Ahus, wieder um und verteilte diese hunderte Meter landeinwärts. Doch zu dieser Zeit waren die Moais bereits weltweit bekannt und wurden bald mit Hilfe eines von einer japanischen Firma zur Verfügung gestellten Krans wieder aufgerichtet.

Kühe und (zu) viele Pferde auf der Weide
Kühe und (zu) viele Pferde auf der Weide

Eine Katastrophe ökologischer Art hatte die ursprünglich komplett bewaldete Osterinsel mit dem Verlust ihres gesamten Baumbestands schon hinter sich. Die resultierende Ressourcenknappheit führte in der Folge zu den erwähnten Kämpfen. Die Ursache für den Niedergang liegt aber nicht nur in dem enormen Holzverbrauch der Rapa Nui, sondern auch darin, dass die von den polynesischen Siedlern mitgebrachten Ratten und Mäuse die Früchte der einheimischen Palmen auffraßen, so dass keine Sämlinge mehr hochkommen konnten.
Die zweite Katastrophe kam 1862 in Form von peruanischen Sklavenhändlern. Die Osterinsel wurde zu dieser Zeit von keinem Staat beansprucht, und so hatten die Sklavenhändler freie Hand. 1500 Einwohner wurden auf die Guano-Inseln vor der südamerikanischen Küste verschleppt. Und als auf internationale Proteste hin die Verschleppten schließlich repatriiert werden sollten, waren durch die brutalen Arbeitsbedingungen und eine Pockenepidemie ganze 15 Personen übrig, die ihre Heimat wiedersahen. 1877 lebten nur noch 111 Personen auf der Insel, die schließlich 1888 von Chile annektiert wurde.
Ein flächenmäßig sehr großer Anteil der Osterinsel ist Nationalpark und wird wie alle chilenischen Nationalparks von Conaf, der chilenischen Forstbehörde, verwaltet, die saftige Eintrittsgebühren in Höhe von ca. 45 Euro pro Person erhebt. Soweit die Theorie. Bei unserem Besuch ist nämlich von der Conaf nichts zu sehen. Die Zugänge zu den Hauptsehenswürdigkeiten Ranu Kau, Anakena und Rano Raraku sind dagegen rund um die Uhr durch einheimische Rapa Nui gesperrt. Eintritt wird von diesen aktuell nicht verlangt, allerdings werden akribisch die Daten aller Besucher festgehalten. Ist man mit einem (Festland-) chilenischen Taxifahrer unterwegs, wird man nicht durchgelassen. Die einheimischen Rapa Nui versuchen, durch diese aufwändige und sehr gut organisierte Maßnahme Druck auf die Regierung auszuüben und den Zuzug von Festlandchilenen auf die Osterinsel zu verringern oder ganz zu unterbinden. Außerdem sollen chilenische Arbeitssuchende davor abgeschreckt werden, überhaupt erst auf die Insel zu kommen. Mittelfristig wollen die Rapa Nui selbst Eintrittsgebühren erheben und das Geld für inselspezifische Zwecke verwenden. Seit meinem ersten Besuch vor 17 Jahren ist die Inselbevölkerung von ca. 3.000 auf angeblich bereits fast 7.000 Personen angewachsen, im Wesentlichen durch Zuzug von außen, sprich vom chilenischen Festland. Die Rapa Nui fürchten, dadurch an den Rand gedrängt zu werden. Der einzige Ort Hanga Roa hat sich bereits massiv in die Fläche ausgedehnt, was nicht zu übersehen ist. Eine Lösung des Problems im Sinne der Rapa Nui wird allerdings schwierig sein, da die chilenische Verfassung die Freizügigkeit der Wohnungswahl für alle Chilenen vorsieht.
Wir sind in den sehr angenehmen Cabañas Christophe in Ufernähe zwischen Flughafen und Krater Rano Kau untergebracht. Christophe ist mit einer Rapa Nui verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Franzose und war als Soldat auf Tahiti stationiert. Nach Ende seiner Dienstzeit hat er es, wie er uns erzählt, exakt anderthalb Monate in Paris ausgehalten. Dann ging er zurück in die Südsee und baute sich hier eine neue Existenz auf.

Am Krater von Rano Kau
Am Krater von Rano Kau
Blick von Orongo auf Motu Nui
Blick von Orongo auf Motu Nui

Da der Krater von Rano Kau direkt vor unserer Haustür liegt, ist er unser erstes Ziel. Landschaftlich gesehen gilt der 324 m hohe spektakuläre Rano Kau mit seinem großen Süßwasser-Kratersee als Höhepunkt der Insel. Die Kraterwände fallen steil, fast senkrecht zum Meer hin ab. Oben am Kraterrand befindet sich das Zeremonialdorf Orongo. Dies war das Zentrum des Vogelmann-Kults. Jedes Jahr wurde hier der Vogelmann ermittelt, der dann ein Jahr lang über die Insel herrschte. Die Clans stellten dafür je einen Wettbewerber. Diese hatten die Aufgabe, ein Ei der Rauchseeschwalbe auf der kleinen vorgelagerten Insel Motu Nui zu finden und heil zurück nach Orongo zu bringen. Wer das als erster schaffte, wurde Vogelmann. Dieser entschied dann auch, wer anschließend dem Gott Makemake geopfert wurde. Folglich wurde der Wettbewerb äußerst erbittert geführt.

Mit Vogelmann-Symbolen verzierte Kirche in Hanga Roa
Mit Vogelmann-Symbolen verzierte Kirche in Hanga Roa
Vogelmann-Figur im Kircheninnern
Vogelmann-Figur im Kircheninnern
Vogelmann-Symbole auf dem Friedhof
Vogelmann-Symbole auf dem Friedhof

Der Vogelmann-Kult ist noch nicht ganz Vergangenheit. Die katholische Kirche von Hanga Roa ist außen mit Vogelmann-Symbolen verziert. Drinnen steht sogar eine große geschnitzte Holzfigur des Vogelmanns, wenn auch nicht mehr vorne neben dem Altar wie bei meinem Besuch 1998, sondern etwas versteckt ganz hinten neben dem Eingang. Auch der sehr ungewöhnliche und eindrucksvolle Dorffriedhof ist voll mit Vogelmann-Symbolik. Fast jedes zweite Grab hat das Vogelmann-Symbol auf dem Grabstein.

Alexander bekommt bei Ankunft von Hildegard Blumenkette
Alexander bekommt bei Ankunft von Hildegard Blumenkette

Nach ein paar Tagen trifft Hildegards Sohn Alexander auf der Osterinsel ein. Er hatte in Peru Urlaub gemacht und einen Abstecher zur Osterinsel angehängt, um uns dort zu treffen. Wir holen ihn am Flughafen ab, und Hildegard hängt ihm zur Begrüßung die traditionelle Blumenkette um. Kurz darauf steht Annette vor uns, die mit uns gemeinsam auf dem Schiff von Hamburg nach Südamerika gereist war. Sie ist seit einer Woche auf der Osterinsel und fliegt mit dem Flugzeug, mit dem Alexander gekommen ist, zurück. Hartmut ist beim Auto in Santiago geblieben und wartet dort auf sie. So treffen wir sie nach El Chaltén zum zweiten Mal. Die Welt ist klein.

Am Kraterrand des Rano Kau
Am Kraterrand des Rano Kau
Umgestürzte Moais am Ahu Akahanga
Umgestürzte Moais am Ahu Akahanga
Im Steinbruch von Rano Raraku
Im Steinbruch von Rano Raraku

Für die nächsten Tage haben wir bei Christophe ein Auto gemietet. Gemeinsam mit Alexander starten wir zunächst zu einer großen Inselrundfahrt. Wir besuchen die Ahus von Vinapu und Akahanga an der Südküste und fahren dann weiter zum äußerst eindrucksvollen Moai-Steinbruch von Rano Raraku. Das Wetter ist sehr wolkig, und es fallen sogar ein paar Tropfen Regen. Am Nachmittag geht es an die Nordküste mit dem Strand von Anakena und dem Ahu Nau Nau sowie dem schon erwähnten Ahu Te Pito Kura mit dem „Nabel der Welt“, geometrisch fast exakten Steinkugeln, die ein besonderes Kraftfeld haben sollen und das explizite Ziel esoterischer Reisen sind. Den krönenden Abschluss des Tages bei bestem Nachmittagslicht bildet der Besuch des größten aller Ahus, Tongariki, in der Südwestecke der Insel.

Strand von Anakena
Strand von Anakena
Ahu Nau Nau, Moais mit „Hüten“, die allerdings eigentlich die Haartracht darstellen
Ahu Nau Nau, Moais mit „Hüten“, die allerdings eigentlich die Haartracht darstellen
Te Pito Kura, „Nabel der Welt“
Te Pito Kura, „Nabel der Welt“
Imposanter Ahu Tongariki
Imposanter Ahu Tongariki

Das Inselinnere mit der höchsten Erhebung von Rapa Nui erwandern wir vom Ahu Akivi aus. Der Maunga Terevaka, 507 m hoch, ist der einzige Ort der Insel, von dem aus man in alle Richtungen Meer sieht. Es gibt auch noch ein anderes „Inselinneres“, nämlich ein ausgedehntes Höhlensystem, in dem die Rapa Nui früher zum Teil lebten oder aber in Kriegszeiten Schutz suchten. Wir finden die Eingänge von zwei der interessantesten Höhlen, Ana Kakenga (oder spanisch Cueva Dos Ventanas, Zwei-Fenster-Höhle) und Ana Te Pora, beide an der Westküste. Die Eingänge sind sehr eng, und das Hindurchzwängen ist etwas mühsam, aber innen weiten sich die Höhlen dann und sind sehr geräumig und eindrucksvoll.

Eingang zur Höhle Ana Kakenga
Eingang zur Höhle Ana Kakenga
Im Höhleninnern
Im Höhleninnern

Nicht so gut funktioniert dagegen unser Besuch zum Sonnenaufgang in Tongariki. Wir stehen früh auf, werden aber an der Straßensperre von den Rapa Nui zunächst nicht durchgelassen und müssen 20 Minuten warten. Am Ziel angekommen fängt es dann an zu regnen, und der Sonnenaufgang fällt buchstäblich ins Wasser. Wir werden einigermaßen patschnass und kommen nicht zu den erhofft stimmungsvollen Sonnenaufgangsbildern.
Am Abend vor dem Rückflug nach Santiago besuchen wir noch eine Musik- und Tanzshow. Die Rapa Nui versuchen, mit solchen Vorführungen ihre Kultur zu bewahren, und natürlich gleichzeitig Geld zu verdienen. Jedes Jahr im Februar findet das zweiwöchige Tapati-Fest statt. Auf die vielfältigen Darbietungen und Wettkämpfe dort bereiten sich die Folkloregruppen und Familienclans das ganze Jahr über vor. Gleich zu Beginn unseres Aufenthalts fand im Nachbarhaus unserer Unterkunft ein Musikabend statt. Stundenlang wurden wir mit eindrucksvollen Gesängen verwöhnt und auf die Südsee eingestimmt. Vielleicht war das auch Vorbereitung auf das nächste Tapati-Fest.
Unser Rückflug ist pünktlich und läuft ereignislos ab. In Santiago angekommen verabschieden wir uns von Alexander, der nach Deutschland weiterfliegt, und sind eine halbe Stunde Taxifahrt später kurz vor Mitternacht bei unserer zum Glück unversehrten Leoni. Mit einer Flasche Carmenère beschließen wir den erfolgreichen Abstecher zur Osterinsel.

Ein Kommentar

  1. Bernd said:

    Schön zu hören, dass sich auf meiner Trauminsel nicht viel verändert hat und sich die Rapa Nuis von den Chilenen nicht alles aufzwängen lassen. Allerdings hatte ich schon vor 25 Jahren den Eindruck, dass die Inselbewohner ohne die Subventionen des Festlandes nicht Überlebensfähig wären. Zudem machte sich damals auf der Insel Inzucht breit. Ein paar chilenische Taxifahrer sind also nicht unbedingt ein Fehler. Allerdings gab es damals nur eine Handvoll Autos. Und heute?
    Übrigens: Die Ähnlichkeit des Kraters von Rano Kau und des Kraters von Corvo (Azoren) ist schon verblüffend.
    Wie viele Flaschen Carmenère habt ihr im Leoni eigentlich noch gebunkert?
    Grüße nach Santiago
    Bernd

    4. Juni 2015
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