Uruguay – Rinder, Pferde, Schafe und Gauchos

Weite, endlose, grüne Weiden, hunderte oder sogar tausende Rinder, Pferde und Schafe, dazu raue Gauchos, die das Vieh draußen im Campo (=Feld) betreuen. Das ist das Bild, das man typischerweise von Uruguay hat. Wenn man überhaupt ein Bild von diesem kleinen und wenig bekannten Land hat. Und so ganz falsch ist dieses klischeehafte Bild nach meiner Einschätzung nicht.

Doch der Reihe nach. Im letzten Blog hatte ich schon beschrieben, dass wir uns nach unserer Ankunft in Montevideo direkt am Strand der Stadt niedergelassen haben. Wir haben ständig Besuch. Einheimische wollen wissen, ob wir mit unserem Camper wirklich aus Deutschland gekommen sind, wollen Fotos von uns und unserer Leoni machen, Schuljungs wollen Ihr Englisch erproben, andere freuen sich, dass Deutschland und nicht etwa Brasilien oder gar Argentinien Fußballweltmeister geworden ist, ein alter Herr von über 80 Jahren erklärt uns in einfachen spanischen Worten die Feinheiten der Präsidentenwahl, die just an unserem „Ankunftswochenende“ stattfindet. In Uruguay herrscht Wahlpflicht, und wenn er nicht zur Wahl ginge, würde seine Rente gestrichen bzw. gekürzt. Nur mit einem ärztlichen Attest ließe sich das verhindern. Dieses Verfahren sollte man in Deutschland vielleicht auch einführen! Abends sitzen wir neben unserem Auto, trinken eine Flasche Wein und lassen das imposante Kreuz des Südens auf uns wirken, das unmittelbar vor uns über dem Rio de la Plata am Himmel steht. In der Nacht herrscht um uns herum reger Verkehr. Überall liegen gebrauchte Kondome herum. Wir bleiben jedoch völlig ungestört und hoffen, dass die Uruguayer nicht aussterben.
Bei unseren Fuß-Exkursionen an der Strandpromenade entlang und auch in die Innenstadt, die bei 35 Grad im Schatten sehr schweißtreibend sind, können wir beobachten, dass fast jeder, wirklich fast jeder Einheimische, egal ob Männlein oder Weiblein, ob jung oder alt, eine Thermoskanne sowie einen Mate-Becher mit der zugehörigen Bombilla dabei hat. Unaufhörlich wird Mate getrunken, zu jeder Tageszeit. Das zu beobachten ist für den europäischen Touristen ziemlich erstaunlich.
Wir bleiben insgesamt drei Nächte in Montevideo, bis unser aus Deutschland mitgebrachtes Brauchwasser ausgeht. Verrückterweise ist an den von uns getesteten Tankstellen kein Wasser zu bekommen, jedenfalls nicht in der von uns benötigten Menge von knapp 200 Litern. Wir fahren Richtung Osten, im Prinzip immer am Strand entlang. In einem kleinen Supermarkt am Weg stocken wir unseren Proviant auf und werden an der Kasse von anderen Kunden gefragt, ob wir Wasser brauchen. Wir sind völlig perplex und fragen, wie sie auf die Idee kommen. Lachende Antwort: „Wohnmobilfahrer brauchen immer Wasser.“ Wir fahren mit den Beiden zu deren Haus und füllen mit Hilfe des dort vorhandenen Gartenschlauchs unsere Wassertanks.
Im Paraiso Suizo, dem „Schweizer-Paradies“, einer Siedlung mit Miet-Ferienhäusern am Strand, das ein Schweizer Paar vor 20 Jahren aufgebaut hat, bleiben wir zwei Nächte, waschen unsere Wäsche und akklimatisieren uns ein wenig. Hier erleben wir den ersten Regentag. Es ist nicht mehr 35 Grad warm, sondern nur noch schattige 17 Grad.

Paraiso Suizo östlich von Montevideo
Paraiso Suizo östlich von Montevideo

Auf der Weiterreise fahren wir durch Punta del Este, den angeblich mondänsten Badeort Südamerikas. Das gilt offenbar aber nur für die relativ kurze Saison. Und die kommt erst noch. Punta del Este ist bei unserem Besuch völlig ausgestorben. Viele Hochhäuser, aber keine Menschen. Man könnte fast von einer Geisterstadt reden. Wir wollen zu Mittag essen, finden aber kein geöffnetes Restaurant. Als wir dann doch eins finden, ist dieses völlig menschenleer, und ein herbeieilender Besitzer oder Kellner komplimentiert uns wieder nach draußen. Heute Abend gäbe es wieder was zu essen, jetzt nicht. Wir gucken uns am Strand noch kurz das Kunstwerk „La Mano en la Arena“ an, die Hand im Sand, und flüchten aus der Stadt. 20 km weiter finden wir dann in einem Imbiss am Straßenrand doch noch etwas zu essen.

La Mano en la Arena, die Hand im Sand, in Punta del Este
La Mano en la Arena, die Hand im Sand, in Punta del Este

In La Paloma, einem Strandbad weiter östlich, sind alle Campingplätze saisonbedingt noch geschlossen. Mit Erlaubnis von Marinesoldaten in der Nachbarschaft campieren wir auf einem großen Parkplatz in Hafennähe direkt am Strand. Von hier machen wir einen Tagesausflug zu benachbarten Laguna de Rocha mit ihrer Vogelwelt: Flamingos, Störche, Kormorane, Möwen, Austernfischer, etc. Ein Paradies für Ornithologen. Wir trauen uns auch kurz ins Meer. Bei mir dauert das Ganze nur ein paar Sekunden, denn das Wasser ist seeeeehr kalt. Hildegard ist da etwas robuster und dreht schwimmend ein paar Runden.
Auf der Weiterfahrt nach Osten besuchen wir den sehr empfehlenswerten Nationalpark von Cabo Polonio. Eine direkte Zufahrt ist nicht möglich. Auf einem 4-WD-LKW werden die Besucher vom Informationscenter des Parks hinunter zum Meer gebracht. Hunderte Seelöwen tummeln sich auf den Felsen vor dem Leuchtturm und im aufgewühlten Meer. Leider ist das Wetter nicht mehr gut, und das Licht zum Fotografieren auch nicht.

Seelöwen am Cabo Polonio
Seelöwen am Cabo Polonio
Fortaleza Santa Teresa
Fortaleza Santa Teresa

Das Fortaleza Santa Teresa wieder ein paar Kilometer weiter östlich ist ein wahres Kleinod. 1762 von den Portugiesen begonnen, dann von den Spaniern erobert und ausgebaut, ist es heute perfekt restauriert und mit sehr interessanten Ausstellungsstücken ausgestattet eine echte Touristenattraktion. In direkter Nachbarschaft liegt in Strandnähe ein riesiger Campingplatz, den wir für zwei Nächte nutzen. Von den 2000 Stellplätzen sind in der ersten Nacht drei, in der zweiten vier belegt. Es ist halt noch Vorsaison. Am Strand finden wir einen 7 m langen toten Wal, drei tote Pinguine, eine tote Meeresschildkröte und einen ca. 1 m langen toten Fisch. Die (lebenden!) Geier interessieren sich merkwürdigerweise nur für den Fisch.
Auf der Weiterfahrt ins Landesinnere herrscht trostloses Regenwetter. Wir haben eine nicht asphaltierte Piste erwischt, und unsere Leoni sieht anschließend entsprechend aus. Wir haben große Sorge, dass das schlechte Wetter anhält, aber am nächsten Morgen herrscht schon wieder der herrlichste Sonnenschein.

Typisches Landschaftsbild abseits der Hauptstraße
Typisches Landschaftsbild abseits der Hauptstraße

Wir besuchen den Naturpark Quebrada de los Cuervos nördlich der Stadt Treinta y Tres (= 33), wo wir zwei Mal übernachten und eine sehr schöne Wanderung machen, und fahren dann weiter in die Region von Tacuarembó im Norden Uruguays. Dort legen wir auf der Estancia Yvytu Itaty einen dreitägigen Aufenthalt ein. Der Name stammt aus der Guarani-Sprache und bedeutet so viel wie „viel Wasser und viele Steine“. Was die Situation gut wiedergibt. Die Estancia ist mit 609 ha für uruguayische Verhältnisse eher klein, für deutsche dagegen eher nicht. Die Besitzer Pedro und Nahir Clariget haben 400 Rinder, 360 Schafe, 40 Pferde und 13 Esel. Die Esel haben nur den Zweck, bestimmte Pflanzen wegzufressen, die die eigentlichen Nutztiere nicht mögen.

Vor der Schur bekommen die Schafe eine Schluckimpfung gegen Parasiten
Vor der Schur bekommen die Schafe eine Schluckimpfung gegen Parasiten
Schafscherer bei der Arbeit
Schafscherer bei der Arbeit

Am zweiten Tag unseres Aufenthalts steht das jährliche Schafscheren an. Dazu ist ein Experte auf der Estancia, der an einem einzigen Tag ca. hundert Schafe schert. Das ist eine sehr schwere, harte Arbeit. Für die Schafe ist das Prozedere übrigens auch hart. Alle haben nach der Aktion nicht nur keine Wolle mehr, sondern auch mehr oder weniger kräftige Blessuren in Form von weggefrästen Hautpartien. Pro Schaf werden ca. 3 kg Wolle „geerntet“. Die kompakten zusammenhängenden Wollpelze gehen für 2,4 US$/kg nach USA. Dort werden Kaschmir-Artikel daraus hergestellt. Die kleineren Fetzen Wolle werden zusammengekehrt und gehen nach China. In Summe ergibt das aus meiner Sicht wenig Ertrag für ein Jahr Arbeit. Aber als Cash Cow für die Estancia fungieren ohnehin, wie der Name schon sagt, die Rinder.

Ñandú mit Imponiergehabe im Campo
Ñandú mit Imponiergehabe im Campo

Auf der Herfahrt hatten wir auf den Weiden schon immer wieder Ñandús gesehen. Mal einzeln, mal in Gruppen. In Yvytu Itaty zeigt Pedro uns dann ein Ñandú-Nest mit sechs Eiern. Wir sehen es erst, als wir unmittelbar davor stehen und der brütende Vogel flüchtet. Ein Ñandú-Hahn hat einen Harem von 4 – 6 Hennen, die nacheinander ihre Eier in das gleiche Nest legen, in „sein“ Nest. Der Ñandú-Hahn brütet das Gelege dann alleine aus und kümmert sich anschließend um die Küken.
Natürlich nutze ich auf der Estancia auch die Gelegenheit, gemeinsam mit Pedro Ausritte zu machen. Pferde sind ja genug da. Da ich nicht gerade ein Reit-Experte bin, bekomme ich ein Pferd, dem man ohne weiteres den Namen Schlafdrüse geben könnte. Jedenfalls geht alles gut, und ich komme stets unversehrt zurück.

Vor dem Ausritt
Vor dem Ausritt

Erwähnenswert sind noch die vielen Glühwürmchen am Abend und die Vogelwelt um das Haus herum. Wir sind erstaunt über die Vielfalt und erfahren, dass ein Ornithologe vor einiger Zeit 40 verschiedene Vogelarten am Haus gezählt hat. Mir haben es vor allem die Kolibris angetan, die sich aber nicht so gerne fotografieren lassen bzw. nicht stillhalten.

Kolibri bei der Nahrungsaufnahme
Kolibri bei der Nahrungsaufnahme
Wir und unsere Gastgeber auf der Estancia Yvytu Itaty
Wir und unsere Gastgeber auf der Estancia Yvytu Itaty

Zum Abschluss unseres Aufenthalts machen wir noch ein Gruppenbild mit Pedro, Nahir und ihrem Sohn Matias, bevor wir zur Grenzstadt Rivera im Norden aufbrechen, wo wir ohne Schwierigkeiten nach Brasilien hinüberwechseln. Das Auto will keiner sehen, kontrolliert wird nichts. Stempel in den Pass auf uruguayischer, Stempel in den Pass auf brasilianischer Seite. Fertig.
Kontrolliert wurden wir in Uruguay übrigens nirgendwo. Kein Polizist hat uns je angehalten. Umgekehrt war dies aber schon der Fall. Ich habe einmal wild gestikulierend einen Polizisten angehalten und nach dem Weg gefragt. Der Polizist ist daraufhin 16 km vor uns hergefahren, um uns den richtigen Abzweig zu zeigen. Das ist irgendwie symptomatisch. Freundliche Leute, die Uruguayer. Sie bleiben uns in positiver Erinnerung.
Und jetzt erwartet uns Brasilien.

4 Comments

  1. Adriano Gabert said:

    Ich fand euch! Ich werde diese wunderbare Reise, die euch tun zu folgen. Ich schreibe mit Google Translate , dann vielleicht einige Fehler . Nun, gute Reise und weiterhin wissen, Brasilien . Eine Umarmung .
    Adriano

    I found you guys ! I will follow this wonderful journey that you guys are doing . I am writing with google translate , then maybe some error . Well , good journey and continue knowing Brazil . A hug .
    Adriano

    12. November 2014
    Reply
  2. Bernd said:

    Hallo, Leoni-Besatzung,
    das mit der Polizei-Eskorte klappt nicht immer. Seid also vorsichtig, wenn Ihr ein Polizeiauto zum Anhalten zwingt. –lol–
    Gruß Bernd

    12. November 2014
    Reply
  3. Elke und Dieter Kunz said:

    Bom Dia Ihr Beiden

    haben mit Begeisterung Eure Notizen gelesen und mußten schmunzeln. Das mit der Polizeieskorte kam uns bekannt vor, das
    haben wir vor Jahren in White River, nahe Krügerpark erlebt, wo wir unser B&B nicht gleich fanden. Denn Plot 18 sagte uns nichts als Adresse.!!Also macht weiter so, wir freuen uns auf weitere spannende Abenteuer. News: REWE hat eröffnet und Hans Höch unser Nachbar ist Schützenkönig!!
    LIebe Grüße
    die Reisemäuse Kunz

    12. November 2014
    Reply
  4. Katharina Reinery said:

    Liebe Hildegard und lieber Franz,
    vielen Dank für die spannende Lektüre, man hat das Gefühl, dass man unmittelbar bei euch ist und dieses „unbekannte “ Land live kennenlernt. Ich wünsche euch weiterhin eine tolle Reise, dass ihr immer wieder so liebe gastfreundliche Menschen trefft. Freue mich schon auf eure persönlichen Reiseberichte , wenn ihr wieder zu Hause seid.
    Herzliche winterliche Grüße aus Solingen,
    Katharina

    26. Dezember 2014
    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.