Patagonien

Noch in Paraguay entscheiden wir uns, möglichst schnell in den Süden, nach Patagonien, durchzufahren. Die 2.200 km von der Grenze bei Posadas bis zum Seebad Las Grutas in der argentinischen Provinz Rio Negro legen wir in vier reinen Fahrtagen zurück. Unser Nachtlager schlagen wir jeweils an einer Tankstelle auf. Das ist praktisch und erspart uns lange Umwege bei der Suche nach geeigneteren Übernachtungsplätzen.
In Argentinien gibt es einen Schwarzmarkt für ausländische harte Währungen, da der Wert des einheimischen Pesos seit Jahren verfällt. Besonders der US-Dollar ist gefragt. Der offizielle Kurs für den Dollar, der auch beim Geldabheben per Kreditkarte zugrunde gelegt wird, ist zum Zeitpunkt unserer Einreise 8,50 Pesos. Auf dem Schwarzmarkt ist der sogenannte Blue Dollar dagegen 15,50 Pesos wert. Das ist ein sehr beträchtlicher Unterschied. Man sollte also tunlichst Bargeld einsetzen und nicht seine Kreditkarten. Der Kurs des Blue Dollar wird täglich in der Zeitung und im Internet veröffentlicht. Wir haben uns schon zu Hause gut mit Bargeld ausgestattet, über die Wechselkurse informiert und sind somit gerüstet, als wir noch vor der Grenze bei Geldwechslern am Straßenrand den gängigen Kurs „antesten“. Wir setzen zweimal 100 Dollar ein und bekommen als Kurs jeweils 13 Pesos. Das erscheint uns erst einmal ok. Hinter der Grenze hoffen wir dann auf weitere Geldwechsler mit vielleicht besserem Kurs. Das Problem: Wir sehen keinen einzigen Geldwechsler mehr und ärgern uns schwarz, dass wir nicht mehr gewechselt haben. Das nutzt uns allerdings nichts.
An unserer ersten Übernachtungstankstelle tanken wir Leoni voll, essen eine Kleinigkeit und haben damit praktisch kein Geld mehr. Der Tankwart ist nicht bereit, Dollars zu akzeptieren, bringt uns aber später einen seiner Kunden, der Interesse hat, Dollars zu wechseln. Er bietet 8,50 Pesos für den Dollar, also exakt den offiziellen Kurs. Ich lache ihn aus. Ein Geschäft kommt so natürlich nicht zustande. Bei unserer Ankunft an der Tankstelle am späten Nachmittag ist es draußen übrigens knackige 41 Grad warm. In der Kabine von Leoni herrschen dagegen gemütliche 34 Grad.
Am nächsten Morgen werden wir schon nach einer Viertelstunde an der Provinzgrenze Chaco – Santa Fé von der Polizei rausgewunken. Der Polizist will alle Dokumente und sogar die Versicherungspolice sehen. Er bekommt alles, wenn auch nur die eingeschweißten Kopien. Und ist damit zufrieden.
In Reconquista, der ersten größeren Stadt am Wegesrand, fahren wir auf der Suche nach Bargeld ins Zentrum. In einer Apotheke fragen wir, ob wir mit Dollars bezahlen können, und wenn ja, zu welchem Kurs. Ja, ja, das geht, für 13,50 Pesos. Im nächsten Schritt wechseln dann in einem Hinterzimmer 2.000 Dollar den Besitzer. Wir sind wieder flüssig und können unser Glück kaum fassen.

Gedenkstätte für Gauchito Gil an der RN3
Gedenkstätte für Gauchito Gil an der RN3

Unterwegs am Straßenrand fallen uns immer wieder mit roten Fähnchen geschmückte Altäre auf, die zum Teil sehr aufwändig gestaltet sind. Schon in Paraguay hatten wir erfahren, was es damit auf sich hat. Es sind Altäre für Gauchito Gil, der als eine Art argentinischer Robin Hood gesehen werden kann. Er lebte im 19. Jahrhundert, nahm den Reichen und gab den Armen. Irgendwann wurde er aber von Soldaten gefangen und an den Füßen aufgehängt. Bevor der diensthabende Offizier ihm den Kopf abschlug, sagte Antonio Gil zu ihm: „Du hast einen Sohn. Er ist todkrank. Wenn Du mich ordentlich begräbst, wird er wieder gesund.“ Das Begraben von hingerichteten Verbrechern war seiner Zeit nicht üblich und erfolgte auch in diesem Fall nicht. Der Offizier ritt nach der Hinrichtung nach Hause und fand wie prophezeit seinen kleinen Sohn todkrank vor. Sofort machte er sich auf den Weg zurück zur Hinrichtungsstelle und bestattete Gauchito Gil. Sein Sohn wurde in der Folge wieder gesund. Heute ist Gauchito Gil der erklärte Schutzpatron der Lastwagenfahrer. Diesen gegenüber sollte man sich keinesfalls kritisch zum Gauchito-Gil-Kult äußern. Das kommt nämlich gar nicht gut an. Es bleibt abzuwarten, wie lange es dauert, bis der argentinische Papst Franziskus, der das Thema Gauchito Gil sicher sehr gut kennt, Antonio Gil heilig oder zumindest selig spricht. Das Volk hat diese Heiligsprechung jedenfalls schon vorweggenommen.

Auf staubiger Piste Richtung Süden unterwegs
Auf staubiger Piste Richtung Süden unterwegs

Das Gebiet von Patagonien ist nicht einheitlich definiert. Üblicherweise wird der Rio Colorado als Grenzfluss angesehen. Alles, was südlich davon liegt, gehört zu Patagonien. Zur Vermeidung des Einschleppens von gewissen Krankheiten nach Patagonien dürfen bestimmte Früchte und frische Lebensmittel nicht mitgebracht werden. Ich hatte mir eine ganze Liste der über das Land verstreuten Kontrollstellen besorgt, und so fühlten wir uns gut vorbereitet. Aber wie das Leben so spielt, geraten wir schon direkt am Rio Colorado, weit vor dem ersten uns bekannten Kontrollpunkt in eine dieser für den Reisenden überaus ärgerlichen Fruchtkontrollen. Wir verlieren alle Äpfel, Birnen, Maracujas und Kiwis. Behalten dürfen wir Tomaten und Bananen. Die Abgrenzung bleibt für uns ein Rätsel. Und 20 Pesos Gebühr bezahlen dürfen wir auch noch. Die Quittung dafür erspart uns dann immerhin eine zweite Kontrolle ein paar Kilometer weiter. Die beiden uns bekannten Kontrollstellen, die wir ein paar Tage später durchfahren, sind dann überraschenderweise nicht besetzt, und die Bauernopfer, die wir extra dafür vorbereitet haben, einen Pfirsich und zwei Äpfel, dürfen wir essen statt sie wie erwartet in die Mülltonne werfen zu müssen.

Nicht ganz einsamer Strand in Las Grutas
Nicht ganz einsamer Strand in Las Grutas

In Las Grutas checken wir in einem von mehreren vorhandenen Campingplätzen ein, laufen runter an den Strand und sind überrascht über wirklich tausende Badende. Das hatten wir in Patagonien und am Südatlantik, südlicher als Afrika, Australien und Neuseeland nicht erwartet. In einer Apotheke bekommt die Inhaberin ganz glänzende Augen, als wir sie fragen, ob sie Interesse hat, Dollars zu tauschen. Und so wechseln weitere 1.000 Dollar ihren Besitzer, diesmal zum etwas schlechteren Kurs von 13,25 Pesos. Von anderen Reisenden wissen wir inzwischen, dass es praktisch nirgendwo mehr gibt, meistens sogar deutlich weniger. Apotheken scheinen im Übrigen gute Adressen fürs Geldwechseln zu sein. Das war schon bei meiner ersten Argentinien-Reise vor 23 Jahren so. Damals versuchte ich, in einer kleinen Provinzstadt in einer Bank Dollars zu tauschen. Die Bank wechselte aber kein Geld. Ich wurde stattdessen zur Apotheke ganz in der Nähe geschickt. Und hier funktionierte der Geldwechsel – für uns damals erstaunlicherweise – ganz problemlos.
Auf der Halbinsel Valdés ist vieles anders als bei meinem damaligen Besuch. Alles ist reglementiert und viel touristischer. Man muss Eintritt bezahlen, darf nur in Puerto Piramides auf dem Zeltplatz übernachten, fast überall ist anhalten und vor allem aussteigen verboten, etc. Aber es sind auch massenhaft Leute unterwegs, und die müssen irgendwie gebändigt werden. Der Wind treibt riesige Staubfahnen durch die Gegend, die von den Autos auf den trockenen Pisten aufgewirbelt werden. Zuerst besuchen wir eine Pinguin-, dann eine Seeelefanten-Kolonie, und schließlich fahren wir nach Punta Norte, wo jede Menge Seelöwen und auch eine ganze Reihe Seeelefanten herumliegen.

Seeelefanten im Vordergrund, dahinter Seelöwen
Seeelefanten im Vordergrund, dahinter Seelöwen
Gürteltier
Gürteltier

Hildegard entdeckt am Abend direkt vor unserer Kabinentür ein Gürteltier, das dann ganz zutraulich näher kommt. Kurz darauf erscheint eine Guardafauna (Parkrangerin) und teilt uns lapidar mit, dass wir in fünf Minuten den Parkplatz zu verlassen haben und dass nur in Puerto Piramides gecampt werden darf. Wir hatten spekuliert, dass wir als Übernachtungsgäste auf dem Parkplatz toleriert werden, und haben überhaupt keine Lust, die fast 100 km nach Puerto Piramides in der anbrechenden Dunkelheit auf holpriger Piste zurückzufahren. Folglich fahren wir nur ein paar Kilometer, platzieren uns direkt neben der Straße an einer Estanciazufahrt und hoffen, dass uns niemand entdeckt und verscheucht. Sicherheitshalber verzichten wir am Abend auf das übliche Gläschen Wein und trinken nur Wasser. Eine überflüssige Maßnahme, wie sich zeigt. Wir verbringen eine ungestörte Nacht.
Nach dem Duschen und noch vor dem Frühstück sehe ich etliche Guanakos draußen um Leoni herumstehen. Es werden immer mehr. Einzelne springen aus dem Stand über den benachbarten Weidezaun. Ich zähle zunächst 30 Stück. Später nach dem Frühstück versammeln sich draußen noch mehr, diesmal ungeschickterweise auf der Sonnenseite. Ich schleiche mit der Kamera in der Hand um die Herde herum, um die Sonne in den Rücken zu bekommen, und komme so zu einer ganzen Reihe brauchbarer Fotos (s. auch Übersichtsbild über diesem Beitrag).
In Puerto Piramides, wo wir dann schließlich doch noch hinfahren, gehe ich mit PC bewaffnet vom Campingplatz aus hoch in den Ort zur Tankstelle, denn dort gibt es WLAN. Ich kaufe mir eine Cola, lasse mir das Passwort geben und setze mich an einen der Tische. Dann lade ich die ausgewählten Fotos hoch und stelle ungestört und in aller Ruhe den Paraguay-Blog ins Netz.

Im Paläontologischen Museum in Trelew
Im Paläontologischen Museum in Trelew

In Trelew besuchen wir das Paläontologische Museum, laut Reiseführer eines der besten seiner Art auf der ganzen Welt. Und ich muss sagen, wir sind wirklich stark beeindruckt. Patagonien ist einer der Hauptfundorte für große Saurier, und die Experten des Trelewer Museums sind ganz vorne mit dabei. Kürzlich haben sie den mit 42 m Länge größten und auch schwersten bekannten Saurier überhaupt ausgegraben. Der ausgestellte Oberschenkelknochen ist größer als ich selbst. Ein weiterer Superlativ ist der mit 1,70 m Durchmesser größte bekannte versteinerte Ammonit der Welt. Die Exponate im Museum sind insgesamt wirklich toll und vor allem äußerst ansprechend präsentiert. Die gezeigten Trilobiten zum Beispiel liegen im Sand und haben dort beim Herumkrabbeln deutlich ihre Spuren hinterlassen. Das sieht wirklich wie echt aus.
Von Trelew fahren wir weiter nach Punta Tombo, wo wir übernachten wollen. Aber daraus wird nichts. Wir kommen erst gegen 17 Uhr, also schon recht spät, an. Seit meinem letzten Besuch hat sich sehr vieles verändert. Es gibt jetzt Kassenhäuschen, Visitor Center, Shuttle Busse, Holzstege, die nicht verlassen werden dürfen, etc. Und unfassbare Menschenmassen. Ich bin zuerst etwas geschockt, aber dann macht die unveränderte Natur alles wett. Die Pinguine sind in gleichem Maße da wie früher, Guanakos, Ñandus und Meerschweinchen bunt darunter gemischt. Auch die Sonne scheint. Und dass die angeschwollenen Besucherströme irgendwie gebändigt werden müssen, leuchtet mir letztlich ein. Aber früher war das Ganze schon unmittelbarer und eindrucksvoller. Da wir nicht auf dem zur Estancia La Perla gehörenden Land bleiben dürfen, fahren wir die gut 20 km Piste zur Straße zurück, biegen nach links auf die Piste in Richtung Camarones ein und finden nach wenigen Kilometern am Wegrand einen passenden Stellplatz für die Nacht. Kein einziges Auto kommt am Abend mehr vorbei. So gehen wir ganz ungestört und in völliger Einsamkeit schlafen.

Magellan-Pinguine vor ihren Bruthöhlen
Magellan-Pinguine vor ihren Bruthöhlen
Säugendes Meerschweinchen in Pinguin-Kolonie
Säugendes Meerschweinchen in Pinguin-Kolonie

Kurz vor dem Cabo Raso nähert sich die Piste dem Meer. Wir finden ein paar Fahrspuren in die Dünen, denen wir folgen. Unser nächster Übernachtungsplatz ist schnell gefunden. Beim ersten Strandspaziergang stoßen wir schon nach ein paar hundert Metern auf eine große Kolonie Seelöwen. Diese besteht erstaunlicherweise fast ausschließlich aus Männchen. Nur ein einziges Weibchen mit einem neugeborenen Jungen entdecken wir. Einen etwas abseits einsam im Sand liegenden, von hunderten Möwen umlagerten Seelöwen hält Hildegard für tot, bis ein Steinwurf sie (und mich) vom Gegenteil überzeugt. Der „tote“ Seelöwe macht ganz schnell, dass er ins Wasser kommt.

Durstige Füchse
Durstige Füchse
Übernachtungsplatz am Cabo dos Bahias
Übernachtungsplatz am Cabo dos Bahias

Auch am Cabo dos Bahias gibt es eine Pinguinkolonie. Diese ist zwar nicht so groß und nicht so bekannt wie die von Punta Tombo, aber vom Aufbau ähnlich und ebenfalls sehr sehenswert. Auch Guanakos und Ñandus gibt es wie fast überall sehr reichlich. Unerwartet ist dagegen die Begegnung mit zwei Füchsen, die an einem Wasserloch direkt neben der Piste ihren Durst stillen. Unmittelbar außerhalb des Reservats finden wir am Nachmittag wie gewünscht einen schönen, einsamen Übernachtungsplatz am Meer. Ich hole unsere Campingstühle raus, und wir sitzen bis zum Sonnenuntergang vor Leoni in der Sonne und genießen die Atmosphäre.
Unmittelbar südlich der Großstadt Comodoro Rivadavia liegt Rada Tilly, das erklärtermaßen südlichste Seebad der Welt. Wieder sind wir völlig überrascht, welche Menschenmassen sich an dem mehrere Kilometer langen Sandstrand versammelt haben. Und zwar nicht nur zum Sonnen, sondern auch zum Baden. Ich selbst schwimme auch ein paar Runden und bin erstaunt über die hohe Wassertemperatur von geschätzten 22 – 23 Grad. Es ist fast nicht zu glauben.

Riesige versteinerte Bäume im Bosque Petrificado
Riesige versteinerte Bäume im Bosque Petrificado

Unser nächstes Ziel ist der Bosque Petrificado, der Versteinerte Wald. Es ist wieder einmal erstaunlich heiß. Immerhin sind wir ja mittlerweile fast auf dem 48. Breitengrad. Die Temperaturen bewegen sich den ganzen Tag über im Bereich von 37 Grad. Zeitweise zeigt das Thermometer bis zu 41 Grad an. Wir laufen den zwei Kilometer langen Rundweg am späteren Nachmittag in immer noch glühender Hitze und sind beeindruckt von den riesigen versteinerten Baumstämmen. Diese sind wesentlich größer und eindrucksvoller als die in anderen versteinerten Wäldern in Afrika oder Nordamerika, die ich bisher kennengelernt habe.
Vom Bosque Petrificado aus fahren wir mehrere hundert Pistenkilometer auf der Ruta 12 nach Südwesten und nähern uns unserem nächsten großen Ziel, den Anden im Allgemeinen und dem Nationalpark Los Glaciares im Besonderen. Ich wundere mich, dass die Zäune entlang der Strecke, sofern überhaupt noch vorhanden, in miserablem Zustand sind. Ab und zu entdecken wir auch verlassene und verfallende Estancias am Wegesrand. Das war vor 23 Jahren noch völlig anders. Dafür gibt es jetzt Guanacos und Ñandus Hülle die Fülle. Geradezu unfassbar viele. Offenbar erobert die Natur gerade verlassenes Weideland zurück.

Die Anden kommen näher – im Hintergrund das Fitz-Roy-Massiv
Die Anden kommen näher – im Hintergrund das Fitz-Roy-Massiv

Der Nationalpark Los Glaciares liegt an der chilenischen Grenze und gehört auch zu Patagonien, wegen seiner besonderen Bedeutung möchte ich ihn aber separat in einem eigenen Beitrag behandeln. Dieser folgt in Kürze.

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