Paraguay – trotz Reisewarnung des Auswärtigen Amts ein sehr angenehmes Reiseland

Paraguay ist ein ziemlich unbekanntes Reiseland, um das viele Reisende einen Bogen machen. Das liegt zum einen an genau dieser Unbekanntheit und zum anderen am immer noch schlechten Image, das zum Großteil auf die Stroessner-Diktatur zurückgeht, aber vielleicht auch ein bisschen an einer Reisewarnung speziell für zwei nördliche Departementos, die das Auswärtige Amt seit ein paar Jahren aufrecht erhält. Wie wir später im Landesinnern von Einheimischen erfahren, gibt es im Norden tatsächlich eine kleine Guerilla-Organisation, der Verbindungen zur kolumbianischen FARC nachgesagt werden. Zum Hintergrund hören wir folgendes: Im Norden von Paraguay gibt es wie in Brasilien und Argentinien auch riesige Sojafelder. Zur Schädlingsbekämpfung bzw. -vermeidung werden diese Felder regelmäßig von Flugzeugen aus mit Insektiziden besprüht. Die resultierenden Giftwolken bleiben aber nicht auf das Gebiet der Felder beschränkt. In den umliegenden Gemeinden nehmen schwerwiegende Erkrankungen immer mehr zu, es gibt häufig Missbildungen und Totgeburten, und die Bevölkerung fängt an, sich dagegen zu wehren, was zunächst einmal nachvollziehbar erscheint. Ob Touristen dadurch gefährdet sind, und ob das eine Reisewarnung rechtfertigt, weiß ich nicht. Von einer Reisewarnung für Israel zum Beispiel habe ich noch nie gehört, was im Vergleich schon etwas überraschend ist. Wir haben uns jedenfalls in Paraguay immer absolut sicher gefühlt, auch wenn wir ganz allein irgendwo im Nirgendwo übernachtet haben.
Paraguay ist ein besonderes Land. Das Spanische ist als Ergebnis der Kolonialzeit zwar Amtsprache, aber interessanterweise nicht die einzige. Guaraní, die Sprache der indigenen Bevölkerung, ist vollständig gleichberechtigt. Damit ist Paraguay das einzige lateinamerikanische Land mit zwei offiziellen Landessprachen. Und die Indigenas, sprich die ursprüngliche Bevölkerung, treten entsprechend selbstbewusst auf. Das ist sehr wohltuend und fällt unmittelbar ins Auge, sogar bei den Straßenverkäufern und -verkäuferinnen, die in der Hauptstadt Asunción ihre Volkskunstgegenstände an den Mann bringen wollen. Im Gran Chaco gibt es darüber hinaus mit den Mennoniten eine weitere Volksgruppe mit einer eigenen Sprache, nämlich Deutsch. Dazu später mehr.

Gedenkstätte auf dem Schlachtfeld Cerro Corá
Gedenkstätte auf dem Schlachtfeld Cerro Corá

Eine weitere Besonderheit von Paraguay ist die sehr bewegte Vergangenheit. Nach der Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1811 entwickelte sich das Land zum wohlhabendsten Staat in Südamerika. Damit war es jedoch ein für allemal vorbei, als 1870 der sogenannte Triple-Allianz-Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay, der wohl blutigste und brutalste in der gesamten südamerikanischen Geschichte, mit einer vernichtenden Niederlage von Paraguay in der Schlacht von Cerro Corá zu Ende ging. Da in dem sechs Jahre dauernden Krieg bald kaum noch Männer für den Kampf verfügbar waren, wurden die Kampfhandlungen zunehmend von Frauen und Kindern getragen. Drei Viertel der Gesamtbevölkerung war bei Kriegsende tot. Der männliche Teil der Bevölkerung war zu 95% tot, der erwachsene Teil der männlichen Bevölkerung (älter als 20 Jahre) sogar zu 99%. Ganze 6.000 Männer waren am Ende in Paraguay übrig. Davon hat sich das Land bis heute nicht völlig erholt. Hervorzuheben ist die Kampfmoral der Paraguayer, die auch beim preußischen König und späteren deutschen Kaiser große Hochachtung hervorrief. Sie kämpften bis zum Sieg oder buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen. Darauf sind die Paraguayer bis heute stolz. Der 16-jährige Sohn des Staatspräsidenten Lopez, der als Colonel die Kindersoldaten befehligte und wie sein Vater in der Schlacht von Cerro Corá starb, wurde von seinen brasilianischen Gegnern aufgefordert, sich zu ergeben. Seine Antwort: „Ein paraguayischer Colonel ergibt sich nicht.“ Daraufhin wurde er vor den Augen seiner in der Schlacht anwesenden Mutter erschossen. Überall im Land gibt es heute Gedenkstatuen von Vater und Sohn Lopez, und jeder noch so kleine Ort hat eine Calle oder Avenida Cerro Corá. Als Ergebnis des Krieges musste Paraguay riesige Gebietsverluste hinnehmen. Iguassu zum Beispiel würde sonst noch zu Paraguay gehören.
Auch der Chaco-Krieg gegen Bolivien in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, der im Gegensatz zum Triple-Allianz-Krieg siegreich für Paraguay verlief, war geprägt von diesem unbedingten Siegeswillen. Den Defensores del Chaco, den Verteidigern des Chaco, wie die Sieger genannt werden, sind ebenfalls überall im Land Denkmäler errichtet. Sogar ein Nationalpark ist nach ihnen benannt.

Der Rio Paraguay – die Lebensader des Landes
Der Rio Paraguay – die Lebensader des Landes

Nun zum eigentlichen Reisebericht: Bei der Einfahrt in die brasilianische Grenzstadt Ponta Pora fahren wir eine Petrobras-Tankstelle an, um mit unserem brasilianischen Restgeld die Dieseltanks zu füllen. Mir fällt auf, dass der Reais-Wert an der Tanksäule unverhältnismäßig stark steigt. Ich frage beim Tankwart nach. Der daraufhin: „Señor, Sie sind in Paraguay. Hier gelten international übliche Preise.“ 4,40 Reais statt 2,89 Reais, die in Ponta Pora verlangt werden, wie wir später sehen. Unfassbar. Wir sind, ohne es zu merken, nach Paraguay geraten. Rechte Straßenseite Paraguay, linke Seite Brasilien. Komischerweise haben wir später in Paraguay nie mehr so teuren Diesel vorgefunden.
Kurz darauf halten uns dann die Grenzformalitäten ordentlich in Atem. Nichts ist so, wie in den verschiedenen, auch brandneuen, Reiseführern beschrieben. Aber mit einigem Zeitaufwand ist das zu bewältigen. Die Offiziellen auf beiden Seiten der Grenze sind sehr freundlich. Nur weiß offenbar gelegentlich die rechte Hand nicht, was die linke macht oder gerade vorhat.
Die erste Nacht in Paraguay verbringen wir ganz allein in einem Hain mitten auf dem Schlachtfeld von Cerro Corá (s.o.) und fahren am nächsten Tag weiter nach Concepción am Ufer des Rio Paraguay. Diese relativ große Kolonialstadt ist erst seit 20 Jahren ans Straßennetz angeschlossen. Vorher liefen alle Personen- und Warenströme ausschließlich über den Rio Paraguay. Die etwas gemächliche Atmosphäre in der Stadt hat sich bis heute erhalten.

Avenida Augustin Fernando de Pinedo im Zentrum von Concepción
Avenida Augustin Fernando de Pinedo im Zentrum von Concepción

Auf einer riesigen Brücke überqueren wir den Rio Paraguay und sind im Gran Chaco. Dieser Landesteil westlich des Flusses macht ca. 60% der Gesamtfläche Paraguays aus, seine Gesamtbevölkerung beträgt aber nur 3%. Ein weitgehend leeres Land also, in der Vergangenheit oft als Grüne Hölle beschrieben. Wir fahren stundenlang an Palmenwäldern und Sumpflandschaften vorbei, immer eingezäunt und somit als Weideland kenntlich, auch wenn man es oft kaum glauben kann. Je weiter wir fahren, umso trockener wird es. Den mittleren Chaco am Übergang vom feuchten zum trockenen Chaco haben ab 1927 Mennoniten kolonisiert. Genau dorthin fahren wir. Diese deutsch sprechende Glaubensgemeinschaft wandert seit 500 Jahren um die Welt. Streng pazifistisch, nicht bereit, Wehrdienst zu leisten, wurden sie immer wieder zu erneuten Wanderungen bewegt. Von Preußen nach Russland, dann nach Kanada, und seit 1927 nach Paraguay. Paraguay hatte den Mennoniten alle möglichen Privilegien versprochen, um an gut ausgebildete, fleißige Siedler zu kommen. Und so begannen die Mennoniten unter heute unvorstellbar schwierigen Umständen, den undurchdringlichen Chaco urbar zu machen. Und das ist ihnen vollständig gelungen. Das Ergebnis ist jedenfalls beeindruckend. Eine Fläche von der Größe Hessens, vorher wie beschrieben als grüne Hölle angesehen, wurde zu Kulturland gemacht.

Wiese mit den für den zentralen Chaco typischen Flaschenbäumen („mennonitisch“: Buddelboom)
Wiese mit den für den zentralen Chaco typischen Flaschenbäumen („mennonitisch“: Buddelboom)
Wegweiser im Mennoniten-Gebiet
Wegweiser im Mennoniten-Gebiet

Wir finden in Loma Plata einen Stellplatz im Hof eines Hotels. Der englische Paraguay-Reiseführer von Bradt sagt zu dieser Unterkunft leicht verärgert: „You are expected to speak German, but the manager has a little Spanish.“ Wir halten das zunächst für stark übertrieben. Aber dann erzählt uns die 65-jährige Chefin, dass sie kein richtiges Spanisch kann. Ihr Vater ist als 8-Jähriger 1927 hier angekommen, sie selbst ist in Paraguay geboren, aber sie spricht in der Familie Plattdeutsch und in der Kirche Hochdeutsch. Spanisch spricht sie nur ein paar Brocken, um sich mit den Bediensteten verständigen zu können. Von anderen Mennoniten erfahren wir, dass die älteren Mitglieder der Gemeinde oftmals gar kein Spanisch können.
Es ist Weihnachten. Um 9 Uhr morgens ist in den vier Mennoniten-Kirchen von Loma Plata Gottesdienst. Wir gehen zur nächstgelegenen Kirche und stellen fest, dass wir die einzigen sind, die zu Fuß kommen. Bei unserer Ankunft, fast eine halbe Stunde zu früh, wird schon kräftig musiziert. Auch ein Chor ist da. Um 9 Uhr ist dann ein „schleichender Übergang“ zum offiziellen Weihnachtsprogramm. Wir singen viele deutsche Lieder aus sehr ansprechend gestalteten dicken Gesangbüchern, die meisten uns gut bekannt mit zum Teil leicht veränderten Texten. Alles läuft geordnet ohne großes Brimborium ab. Ein Vorbeter ist aktiv, ein anderer hält eine gut vorbereitete Predigt über das Thema Frieden. Es ist ein sehr ansprechender und anrührender Weihnachtsgottesdienst. Und alles in klarem, fast akzentfreiem Deutsch. Draußen wird uns dann noch von einigen Kirchgängern eine frohe Weihnacht gewünscht.

Weihnachtsmenu
Weihnachtsmenu
Scheinwerferreparatur
Scheinwerferreparatur

Da über die Weihnachtstage alle Restaurants geschlossen sind, gibt sich Hildegard an die Gestaltung unseres Weihnachtsessens. Das Ergebnis aus Bratkartoffeln mit Spiegelei, Krautsalat und Apfelpfannkuchen kann sich sehen lassen. Eine Reparatur steht am Weihnachtstag auch noch an. Der rechte Scheinwerfer hat den Geist aufgegeben. Wir haben zum Glück eine passende Ersatz-Glühbirne dabei. Zum Ein- und Ausbau muss der ganze Kühlergrill demontiert werden, aber mit vereinten Kräften gelingt das letztlich ganz gut. Zwei Wochen später, immer noch in Paraguay, tut es dann der linke dem rechten Scheinwerfer gleich. Wir ersetzen die Glühbirne – auch dafür haben wir Ersatz – auf offener Strecke unter einem schattenspendenden Baum. Wir wissen ja jetzt, wie es geht. Glühbirnen haben erkennbar eine exakt bemessene Lebensspanne. Sie hauchen praktisch gleichzeitig ihr Leben aus. Ein nicht ganz unbekanntes Phänomen.

Asado-Essen mit mennonitischer Familie
Asado-Essen mit mennonitischer Familie

Nach Ablauf der Weihnachtstage fahren wir frühmorgens erst mal zum perfekt ausgestatteten Supermarkt der Mennoniten-Kooperative Chortitzer, um unsere Vorräte aufzufüllen. Hildegard ist noch beim Einladen, als mich ein „mittelalter“ Mennonit anspricht. Mit unserem Auto sind wir natürlich wie bunte Hunde und fallen jedem gleich ins Auge. Wir unterhalten uns über dieses und jenes. Im Laufe des Gesprächs fragt er, ob wir eigentlich schon einmal ein richtiges Asado gegessen hätten. Als wir verneinen, werden wir spontan für den Abend zu ihm nach Hause eingeladen und kommen so zu ganz neuen Einblicken in die Lebenswelt der Mennoniten.

Vor dem Regierungspalast in Asunción
Vor dem Regierungspalast in Asunción

Unser nächstes Ziel ist die Hauptstadt Asunción. Nach der Besichtigung der Stadt, die über eine ganze Reihe ansehnlicher Gebäude und Parkanlagen verfügt, stehen zwei für uns wichtige Punkte auf dem Programm. Das eine ist ein privater Spanisch-Intensivkurs, den wir mit einer Deutsch-Schwedin durchziehen, die vor 28 Jahren als Teenager mit Vater und Schwester aus Bayern nach Paraguay ausgewandert ist. Und zwar nur knapp drei Wochen nach Tschernobyl. Ihr Vater, ein Arzt, den wir auch kurz kennenlernen können, wollte seine Kinder nicht länger der radioaktiven Strahlung aussetzen. In Spanisch habe ich zwar seit meinem zweisemestrigen Exkurs an der TH Aachen vor über 40 Jahren ein paar Grundkenntnisse, Hildegard hat auch welche, aber wir wollen ja noch eine Zeitlang im spanischsprachigen Lateinamerika unterwegs sein. Und da kann ein etwas aufgepepptes Spanisch nicht schaden.

Spanischunterricht in Asunción
Spanischunterricht in Asunción

Der zweite wichtige Punkt ist das Thema Ölwechsel und Abschmieren von Leoni. Ein deutscher Geschäftsmann aus Asunción, in Paraguay geboren, hatte mir die Werkstatt eines Freundes mit Vornamen Romel empfohlen. Doppelkonsonanten kommen im Spanischen so gut wie nicht vor. Romel wird also wie Rommel ausgesprochen, also wie bei Erwin und Manfred. Sein Vater, von dem er die Werkstatt übernommen hat, ist als Sohn deutscher Auswanderer in Paraguay geboren und spricht, wie wir feststellen können, im Gegensatz zu seinem Sohn noch perfekt Deutsch. Romel dagegen sieht im Gegensatz zu seinem Vater nicht mehr wie ein Deutscher aus und spricht die Sprache auch nicht. Bevor ich mich versehe, hat er unaufgefordert Luftfilter, Kraftstofffilter und Diesel-Vorfilter ausgebaut. Alle drei sind für mich überraschend nach den paar tausend von uns in Südamerika gefahrenen Kilometern bereits völlig verdreckt. Dafür sind wohl Diesel-Qualität und Pistenfahrten verantwortlich. Praktischerweise kann ich mit Romels Vater den Umgang mit den Filtern und alle Details dazu auf Deutsch besprechen. Wir haben alle drei Filtersorten mehrfach als Ersatz- bzw. Verbrauchsteile an Bord. Das verrate ich aber nicht, sondern lasse Romel die passenden Teile in einem Kfz-Zubehörgeschäft in der Nachbarschaft besorgen und einbauen.

Leoni wird in Asunción von Romel (links) wieder fit gemacht
Leoni wird in Asunción von Romel (links) wieder fit gemacht

Zwei Tage nach der Sylvester-Nacht spiele ich im Traum Fußball, was ich im wirklichen Leben wegen meines kaputten linken Knies seit 13 Jahren leider nicht mehr tun kann. Bei einem Schussversuch trete ich voll in die Erde und wache vor Schmerz auf. Es war offenbar ein sehr engagiertes Match, denn ich habe voller Begeisterung ganz im Sinne von „Tue, was Du tust“ gegen die Bettumrandung getreten und diese auch voll mit dem dicken Zeh erwischt. Mein Schussbein ist das rechte, und der rechte dicke Zeh ist am Morgen bunt und blau. Meine Befürchtung, dass er gebrochen ist, bewahrheitet sich zum Glück nicht. Aber weh tut er auch zwei Wochen später noch.

Üppig mit Guaraní-Holzschnitzereien ausgestattete Kirche in Yaguarón
Üppig mit Guaraní-Holzschnitzereien ausgestattete Kirche in Yaguarón

Ost-Paraguay steht als nächstes auf unserem Programm. Noch ganz in der Nähe von Asunción besuchen wir auf unserer Weiterfahrt die eindrucksvolle Kirche in Yaguarón. Es handelt sich zwar um eine Franziskanerkirche, die aber im gleichen Stil gebaut ist wie die Kirchen der Jesuiten-Reduktionen. Und es ist die einzige all dieser Kirchen, die noch in ihrer ursprünglichen Form existiert. Mit einer Mischung aus spanischem Barock und indianischen Elementen ganz aus Holz hat die Stadt Yaguarón ein besonders herausragendes Baudenkmal sakraler Kunst, das uns mächtig beeindruckt.
Um am anstehenden Wochenende nach der vielen „Arbeit“ in Asunción mal richtig auszuspannen, besuchen wir das Balneário Pinamar mit Campingplatz in der Nähe von Piribebuy. Es sind bei unserer Ankunft schon ganz schön viele Leute da, die im Fluss baden, an den vorhandenen Feuerstellen grillen, etc. Das „etc.“ ist besonders relevant, denn viele Autos haben den kompletten Kofferraum voller Lautsprecherboxen. Und die bleiben nicht unbenutzt. Nach und nach schaltet jeder seine Boxen in voller Lautstärke an. Wir nehmen das noch nicht ganz so ernst und gehen erst mal ausgiebig im Fluss schwimmen. Dieser ist nicht ganz klar, aber offenbar recht sauber, und hat eine ganz gute Strömung. Am Abend sitzen wir draußen vor Leoni, trinken leckeren argentinischen Rotwein und lassen uns bedröhnen. Gegen 22 Uhr gehen wir zu Bett. Das Gedröhne hält an und ist auch um 4 Uhr morgens noch voll im Gange. Es ist unfassbar. Ab ca. 5 Uhr gibt es eine kurze Pause, aber um ca. 7.30 Uhr werden die ersten Boxen wieder eingeschaltet. Da sind wir gerade wieder im Fluss zum Schwimmen. Nach dem Frühstück flüchten wir.

Im Hof des Enten-Spezialisten Walter Schäffer in Colonel Oviedo
Im Hof des Enten-Spezialisten Walter Schäffer in Colonel Oviedo

Unsere Fahrt geht zügig weiter nach Colonel Oviedo, wo wir Walter Schäffer besuchen wollen, den Chef von 2CV-Tours, einen Bekannten bzw. Freund eines Club-Kollegen vom Sahara-Club. Wir finden sein Zuhause nicht sofort und werden auf der Straße von einer Latina auf Deutsch angesprochen: „Suchen Sie Walter Schäffer? Ich bin seine Frau.“ Walter ist als Entwicklungshelfer vor 30 Jahren nach Paraguay gekommen und hat als eingefleischter Enten-Fan mit seinen diversen Enten ausgesprochen extreme Touren in Südamerika durchgeführt und auf dieser Basis auch ein Reiseunternehmen aufgebaut. Wir parken Leoni direkt vor seiner Haustür und haben einen sehr unterhaltsamen Nachmittag. Es gibt unendlich viel zu erzählen.
Walter schickt uns weiter zur deutsch geprägten Colonia Independencia ca. 100 km südlich zu Toni (Taufname Antoine) aus Luxemburg, der mit seinem Scania-Wohnmobil-Truck viel herumgereist ist und ein Anwesen ganz im Grünen gemietet hat, etliche Kilometer von der festen Straße entfernt. Von Toni erhalten wir viele nützliche Tipps. Auch die Info, dass Angela Merkel sich kürzlich ebenfalls in Colonia Independencia eingekauft hat. Die Reisewarnung aus ihrem Auswärtigen Amt scheint dabei keine Rolle gespielt zu haben. Wichtiger waren wohl andere Gründe. So hat die paraguayische Währung, der Guarani, im letzten Jahrzehnt Jahr für Jahr an Wert gegenüber dem Dollar und dem Euro gewonnen. Auf 5-jährige Anleihen werden in der Colonia Independencia 20% Zinsen gezahlt, in Colonel Oviedo auf Jahresanleihen in einer ganz normalen Bank nicht mehr wie noch vor Kurzem 12%, aber immerhin noch 7,5%. Die Mennoniten im Chaco haben mir erzählt, dass die Cooperativa Chortitzer 11% Zinsen zahlt. In diesem Fall kenne ich allerdings nicht die Laufzeit.

Wasserfall Salto Mina im Parque Nacional Ybycui
Wasserfall Salto Mina im Parque Nacional Ybycui

Im Parque Nacional Ybycuí sind Reste des atlantischen Regenwaldes erhalten und geschützt, der früher weite Teile von Ost-Paraguay bedeckt hat, inzwischen aber weitgehend abgeholzt ist und Weiden und Ackerbauflächen Platz gemacht hat. Unter dem Wasserfall Salto Mina hat sich ein großes Naturschwimmbecken gebildet, das Hauptanziehungspunkt für die Besucher des Parks ist. Am Nachmittag müssen wir dieses noch mit vielen Paraguayern teilen, am nächsten Morgen direkt nach dem Aufstehen haben wir es ganz für uns alleine.

Im Jesuiten-Museum von Santa Maria de Fé
Im Jesuiten-Museum von Santa Maria de Fé

Wir fahren weiter nach Santa Maria de Fé, einer ehemaligen Jesuiten-Reduktion, von der aber nichts Nennenswertes erhalten ist. Der Grund für unseren Besuch ist das örtliche Museum. Hier gibt es ganz tolle Schnitzfiguren der Guarani-Indianer aus der Jesuitenzeit zu bewundern. Laut Bradt-Reiseführer ist es das beste Museum in Südamerika zu diesem Thema. In der Polizeistation nebenan hole ich uns die Erlaubnis, vor der Kirche am Dorfplatz zu übernachten. Ein sehr schöner, praktischer und ruhiger Übernachtungsplatz. Beim Herausfahren aus dem Ort, unmittelbar am Ortsausgang von Santa Maria de Fé, geraten wir am nächsten Morgen in eine Polizeikontrolle, und zum ersten Mal in Südamerika müssen wir unsere Dokumente vorzeigen. Genauer gesagt zeigen wir nur die eingeschweißten Kopien von Reisepässen und Kfz-Schein vor. Aber das genügt völlig. Die Kontrolle verläuft sehr freundlich und völlig entspannt.

Turbinenraum des Wasserkraftwerks Yasiretá
Turbinenraum des Wasserkraftwerks Yasiretá

In Yasiretá wird der Grenzfluss Paraná aufgestaut und in einem 3,2 MW-Kraftwerk von Argentinien und Paraguay gemeinsam energetisch genutzt. Wir haben die Gelegenheit, die Kraftwerksanlage und auch den Turbinenraum zu besichtigen. Unterwegs bei einer Busrundfahrt sehen wir riesige Fischschwärme, die die Staumauer hoch wollen und mit einem Lift hochgehievt werden. Fischtreppen kannte ich schon, Fischlifte noch nicht. Unsere Gruppe wird dominiert von Mennoniten aus San Pedro in Ost-Paraguay, die sehr viel konservativer daherkommen als die Mennoniten, die wir im Chaco kennengelernt haben. Die Frauen tragen schwarze Kappen, und alle sprechen deutsch.

Jesuiten-Reduktion Cosme y Damian
Jesuiten-Reduktion Cosme y Damian

Die letzten Sehenswürdigkeiten, die wir in Paraguay besichtigen, sind die Jesuiten-Reduktionen von Cosme y Damian und Santissima Trinidad im äußersten Südosten des Landes. Beide sind sehr beeindruckend. Eine Besonderheit von Cosme y Damian ist, dass es mehr als nur eine Ruine ist. Die Kirche ist weitgehend restauriert und wird von der Gemeinde voll genutzt. Die andere Besonderheit ist, dass hier einst ein berühmtes astronomisches Zentrum war. Die Sonnenuhr beispielsweise zeigt, wie wir uns überzeugen können, die Uhrzeit auf 5 Minuten genau an. Nur mit der Umstellung Sommerzeit/Winterzeit gibt es kleinere Probleme. Trinidad ist besonders beeindruckend durch seine Ausmaße und durch die wundervolle Steinarchitektur mit ihren außergewöhnlichen Steinmetzarbeiten. Die frühen Reduktionen waren im Gegensatz dazu zum großen Teil aus Holz gebaut, und die Holzteile haben sich kaum erhalten. In Trinidad ist dagegen alles aus Stein, sogar die um den großen Hauptplatz herum angelegten Häuser der Indios. Wir sind bereits früh am Morgen vor Ort, außer uns ist niemand da, und wir können die Magie dieses Ortes voll auf uns wirken lassen.
Schon eine Stunde später sind wir in Encarnación an der Grenze, wechseln am Straßenrand ein paar Dollars in Argentinische Pesos um und reisen nach einem kurzen Gedankenaustausch mit dem Zöllner über die deutsche Fußball-Bundesliga problemlos aus Paraguay aus. Anschließend fahren wir über die Paraná-Brücke hinüber nach Posadas in Argentinien.

8 Comments

  1. Silvio Richtsteiger said:

    Guten Tag Herr Thoren,
    mit Begeisterung freue ich mich auf jeden neuen Beitrag Ihrer Reise. Es ist ein angenehmer Ruhepol in der momentanen Arbeitsanpsannung und es ist eine wohltuende Pause in Ihre Reiseberichte und vor allem Bilder reinzulesen und die Länder Südamerikas kennenzulernen.
    Mir war nicht bewusst, dass es solch große Gruppen Deutschstämmiger Auswanderer in Paraguay gibt. Ich dachte der Groh dieser bezieht sich nur auf Argentinien und Brasilien.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau weiterhin eine angenehme Reise und natürliche weiterhin so tolle Berichte.
    Viele Grüße
    Silvio Richtsteiger

    17. Januar 2015
    Reply
    • Franz Thoren said:

      Hallo Herr Richtsteiger,
      schön, mal wieder von Ihnen zu hören. Ich hoffe, Ihnen und Ihrer Familie geht es gut, und wünsche Ihnen alles Gute.
      Viele Grüße
      Franz Thoren

      21. Januar 2015
      Reply
  2. Sibylle und Hans Pröhmer said:

    Hallo Ihr Zwei,

    nun möchten wir, Sibylle und Hans (Bosch-Kollege von euerem Nachbarn Holger) uns auch mal für Euere tollen Reiseberichte bedanken, die wir voller Begeisterung „verschlingen“.

    Selten haben wir eine Homepage so oft und regelmäßig angesteuert, echt klasse.

    Herzlichen Dank dafür aus Ludwigsburg,

    S+H

    17. Januar 2015
    Reply
  3. Franz Thoren said:

    Liebe Pröhmers,
    ich freue mich über die positive Resonanz. Holger scheint aber auch gute Promotion zu machen. 🙂
    Viele Grüße
    Franz Thoren

    21. Januar 2015
    Reply
  4. Guten Tag Frau Thoren, guten Tag Herr Thoren,

    zunächst sei es auch jetzt noch erlaubt, Ihnen auch für 2015 ‚Alles Gute‘ zu wünschen.
    Ich habe in der freien Zeit um den Jahreswechsel herum immer wieder nachgeschaut,
    ob bereits ein neuer Bericht vorliegt.
    Anfang der Woche konnte ich diesen spätabends nur querlesen und habe dies nun
    in Ruhe zu Hause noch einmal ausführlich getan.
    Erneut Geschichtsunterricht und Geographie, sowie Reiseeindrücke und nette
    Erlebnisse, so hätte ich mir das zu Schulzeiten immer gewünscht.
    Weiter so 🙂 … wir freuen uns schon auf die nächste Ausgabe.

    Godspeed!
    Roland Kirchgeßner & Co.

    25. Januar 2015
    Reply
  5. Christa Kühner said:

    Hallo Hildegard und Franz,

    schön zu hören, dass es euch weiterhin gut geht. Während wir hier im Schneetreiben sitzen, könnt ihr sicher die wärmende Sonne genießen. Wir wünschen euch noch ganz viel Glück auf der weiteren Reise
    Christa und Manfred

    27. Januar 2015
    Reply
  6. Hans-Jürgen Joeck said:

    Hallo Herr Joeck hier ist auch Herr Joeck.Bin durch Zufall auf ihren Bericht gestoßen.
    Das wir auch noch den gleichen Name haben.Ich wohne in Paraguay,in Caacupe.
    Ihr Bericht hat mir sehr gefallen.Ich muß ihnen beipflichten ich habe mich noch zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.Machen sie weiter so.Vielleicht sind sie wieder mal
    in der Gegend.Wünsche ihnen viel Gesundheit und noch viele schöne Reisen.
    Hans-Jürgen Joeck

    13. Juni 2015
    Reply
    • Franz said:

      Hallo Herr Joeck,
      danke für Ihren Komentar. Ich heiße allerdings nicht Joeck. Dies nur zur Klarstellung. Unsere Website heißt opp-joeck.de. Opp-jöck heißt in unserem rheinischen Platt so viel wie „unterwegs sein“.
      In Caacupe waren wir übrigens auch und haben dort die Kathedrale besichtigt.
      Viele liebe Grüße nach Paraguay
      Franz

      19. Juni 2015
      Reply

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