Vom Titicaca-See nach Lima

Vor der Fahrt zur nahen peruanischen Grenze versuchen wir noch an der Tankstelle von Copacabana zu tanken. Dort verlangt man für Diesel jedoch den bekannten Ausländerpreis, den wir nicht mehr bereit sind zu zahlen. Also fahren wir ohne zu tanken zur Grenze.
Die Ausreise aus Bolivien geht schnell vonstatten, die Einreise bei der peruanischen Migración auch. Wir stellen die Uhr eine Stunde zurück und sind somit sieben Stunden hinter der deutschen Zeit. Doch dann kommt die SUNAT, der peruanische Zoll. Ich lege zunächst wie gewünscht Pass, Kfz-Schein und Führerschein auf den Tisch. Dann kommt die Frage nach unserer internationalen Auto-Versicherung. Warum international, weiß ich nicht. Klar ist nur, dass wir keine Versicherung haben, weder eine nationale noch eine internationale. Der Beamte erklärt, dass es hier an der Grenze keine Versicherungsagentur gibt und wir die Versicherung im gut hundert Kilometer entfernten Puno abschließen müssen. Und zwar ohne Auto. Das müsse so lange hier bei der Aduana stehen bleiben. Gegenüber würden Microbusse nach Puno abfahren. Die könnten wir nehmen. Ich erkläre wahrheitsgemäß, dass ich wüsste, dass das nächstgelegene Versicherungsbüro in Puno ist, dass man aber nach unseren Informationen mit dem Auto nach Puno fahren dürfe, um die Versicherung dort abzuschließen. Nach einigem hin und her lenkt der Grenzer ein. Vielleicht, weil wir so traurig geguckt haben. Seine Stimme wird ganz leise, er bedeutet uns, nicht mehr über die Versicherung zu sprechen, und führt uns in einen Nebenraum, wo ein anderer Grenzer das Zolldokument für Leoni ausstellt. Von der Versicherung ist nicht mehr die Rede. Wir bedanken uns und fahren nach Puno. Haben wir nur Glück gehabt, oder läuft das immer so ab? Ich weiß es nicht.
Am mondänen Hotel Libertador in Puno, wo wir wie schon viele andere Overlander auf dem Parkplatz übernachten wollen, teilt man uns mit, dass das aus irgendwelchen Gründen (seguridad?) nicht mehr geht. Aber es gäbe schöne Zimmer für 220 US$. Da es bereits Freitagmittag ist und wir am nächsten Tag weiterfahren wollen, allerdings nicht ohne Versicherung, nehmen wir notgedrungen eins. Was es an der Reception umsonst gibt, ist die Information, wo sich ein passendes Versicherungsbüro befindet: Die Agentur der Versicherungsgesellschaft La Positiva liegt mitten im Zentrum von Puno direkt neben dem Hotel Hacienda.
Hier wird uns kurz darauf problemlos von Hand die benötigte Police ausgestellt, 3 Monate für 65 Soles, umgerechnet ca. 18,60 Euro. Das Problem, von dem einige Reisende berichteten, dass die Computer-Systeme der Versicherungsgesellschaften nur peruanische Nummernschilder akzeptieren, trat also hier in diesem Büro nicht auf. Manuell hat halt manchmal auch Vorteile.

Schilfbündel werden zur Verstärkung des Inseluntergrundes und zum Haus- und Bootsbau benutzt
Schilfbündel werden zur Verstärkung des Inseluntergrundes und zum Haus- und Bootsbau benutzt
Schilfinsel mit Bewohnerin
Schilfinsel mit Bewohnerin

Am nächsten Morgen besuchen wir die Schilf-Inseln der Uros in etwa 5 km Entfernung von Puno mitten im Titicaca-See (s. Übersichtsbild über diesem Beitrag). Die Uros sind ein Volksstamm, der sich schon vor etlichen Jahrhunderten dem Zugriff aggressiver und zudringlicher Nachbarvölker, z.B. der Inkas, entzogen hat, indem er relativ unzugängliche schwimmende Inseln im Titicaca-See zu seiner Heimat gemacht hat. Diese Inseln bestehen aus meterdicken Schichten Totora-Schilf, aus dem gleichen Material, aus dem Thor Heyerdahl seine Ra II gebaut hat. Da das Schilf im Laufe der Zeit fault, müssen immer neue Schichten aufgelegt werden. Die Schilf-Inseln der Uros sind eine der großen Touristen-Attraktionen am Titicaca-See. Zwei der knapp hundert Inseln können besucht werden. In kurzen Abständen fahren Boote vom Hafen in Puno zu den Uros und zurück. Natürlich ist das Ganze ein großes Geschäft. Aber sehr interessant für die Touristen ist es eben auch.
Auf der kleineren der beiden besuchbaren Inseln bekommen wir zunächst eine fundierte Einführung in das Leben auf den Schilf-Inseln und natürlich deren Besonderheiten. So werden einige von uns Touristen aufgefordert, gleichmäßig auf und ab zu hüpfen. Sofort gerät der gesamte Untergrund aus Schilf ins Schwingen. Ein durchaus merkwürdiges Erlebnis. Im Anschluss besichtigen wir ein Wohnhaus, das sehr spartanisch eingerichtet ist. Die Dame des Hauses zeigt uns alles und beantwortet auch unsere Fragen. Besondere Vorsicht ist natürlich beim Kochen gefordert. Feuer kann in einer Umgebung aus Schilf desaströse Auswirkungen haben.
Mit einem Schilfboot setzen wir über zur größeren der beiden Inseln. Unterwegs sehen wir, wie frisches Schilf antransportiert wird, um eine neue Bodenschicht aufbringen oder neue Baumaßnahmen starten zu können. Der Aufenthalt auf der zweiten Insel bringt dann keine großen weiteren Erkenntnisse. Er dient eigentlich nur dazu, den Souvenir-Buden und dem Restaurant Kundschaft zuzuführen. Nach gut zweieinhalb Stunden sind wir zurück im Hafen von Puno.
Vor der Weiterfahrt tanken wir Leoni voll und sind erstaunt, dass in Peru in Gallonen gemessen wird. Wir zahlen 10,7 Soles pro Gallone Diesel. Dies ist im Vergleich zu Deutschland sehr günstig und entspricht etwa 81 Eurocent pro Liter.

Gehöft auf dem Altiplano
Gehöft auf dem Altiplano
Chullpas von Sillustani
Chullpas von Sillustani

Etwa 35 km nördlich von Puno liegt unser nächstes Ziel, eine Attraktion, die man nicht verpassen sollte: Die Chullpas von Sillustani. Dabei handelt es sich um imposante Grabtürme von bis zu 12 m Höhe, die aus der Zeit von vor und während der Inka-Herrschaft stammen. Sie liegen auf 3.900 m Höhe auf einem Hügel hoch über einem malerischen See und sind in jedem Fall einen Besuch wert. Dass der Ort am Fuße der Ruinenstätte fürchterlich touristisch herausgeputzt ist, sollte man nach Möglichkeit ignorieren.

Einsamer und malerischer Übernachtungsplatz auf dem Altiplano
Einsamer und malerischer Übernachtungsplatz auf dem Altiplano

Nach gut zwei Stunden Fahrt Richtung Cusco wird es Zeit, uns auf dem offenen Altiplano nach einem Übernachtungsplatz umzusehen. Es dämmert schon, als wir ca. 50 m nach rechts von der Straße wegfahren und uns auf dem freien Feld einrichten. Damit Leoni einigermaßen gerade steht, kommen unsere gelben Keile unter die Räder.
In der Nacht und am frühen Morgen ist es draußen ziemlich kalt, -4,2 Grad. Drinnen herrschen dagegen erträgliche +8,7 Grad. Als die Sonne aufgeht, genießen wir das 360-Grad-Panorama mitten im grasbewachsenen Altiplano. Es ist ein wunderschöner Platz. Doch schon gegen 8 Uhr sind wir wieder unterwegs. Es geht langsam, aber stetig hoch bis auf über 4.200 m, immer an der Eisenbahntrasse entlang. In der relativ großen Stadt Sicuani wundern wir uns über die absolut sauberen Straßen. Kein Plastikmüll wie sonst fast überall, es ist alles wie geleckt. So etwas haben wir schon sehr, sehr lange nicht mehr gesehen. Schilder weisen darauf hin, dass Plastikmüll zu vermeiden ist und dass das Leben dadurch besser wird. Die Sauberkeit am Straßenrand hält erstaunlich lange an. Erst kurz vor Cusco kommen die ersten Rückfälle.

Cusco von Sacsayhuaman aus gesehen, unten in der Mitte die Plaza de Armas
Cusco von Sacsayhuaman aus gesehen, unten in der Mitte die Plaza de Armas

Wie im letzten Beitrag beschrieben steht bei Leoni die Reparatur eines Lecks am linken Vorderrad an, aus dem ein Fett-/Öl-Gemisch austritt. Obwohl Sonntag ist, versuchen wir bei unserer Ankunft in Cusco zunächst, die Overlander-Werkstatt zu finden, die diese Reparatur möglicherweise vornehmen kann. Wir finden die Werkstatt auch. Sie liegt in unmittelbarer Nähe des Flughafens. Als wir uns anschließend jedoch zum Camping Lala in der Nähe der Ruinen von Saqsayhuaman quer durch die ganze Stadt gequält haben, ändern wir unseren Plan. Noch einmal quer durch die Stadt zur Overlander-Werkstatt, das wollen wir uns nicht antun. Die Reparatur von Leoni muss warten bis Lima. Dort ist eine empfohlene Werkstatt nur zwei Kilometer von unserer geplanten Übernachtungsstelle im Stadtteil Miraflores entfernt. Zum Hintergrund dieser Entscheidung muss man wissen, dass Cusco wie La Paz eine sehr „dreidimensionale“ Stadt ist. Sie liegt ähnlich wie La Paz in einem Talkessel, nicht ganz, aber doch ähnlich hoch und hat ebenfalls außerordentlich ungemütlich steile Straßen.

Die drei hintereinander angeordneten Verteidigungsebenen von Sacsayhuaman
Die drei hintereinander angeordneten Verteidigungsebenen von Sacsayhuaman
Tonnenschwere, präzise bearbeitete Felsblöcke in der unteren der drei Mauern von Sacsayhuaman
Tonnenschwere, präzise bearbeitete Felsblöcke in der unteren der drei Mauern von Sacsayhuaman

Vom Campingplatz aus sind es nur drei Minuten zu Fuß zum Eingang von Saqsayhuaman. Dies ist die außerordentlich imposante Festung oberhalb der Stadt, die u.a. bei den Kämpfen zwischen den Konquistadoren und dem rebellierenden Manco Inca im Jahre 1536 eine wichtige Rolle gespielt hat. Erbaut wurde die Festung ca. 100 Jahre früher durch Inca Pachacutec. Die verwendeten Steine haben gigantische Ausmaße und sind millimetergenau ineinander gefügt. Der größte Felsblock im Mauerwerk wiegt unglaubliche 300 Tonnen.
Um Saqsayhuaman besuchen zu dürfen, kaufen wir das Boleto Turistico für 130 Soles pro Person. Das entspricht stattlichen 37 Euro. Dieses Ticket berechtigt zum Eintritt in mehr als ein Dutzend Ausgrabungsstätten und Museen in Cusco und dem Valle Sagrada, dem Heiligen Tal. Einige wichtige Ort sind allerdings ausgenommen, wie die Kathedrale von Cusco oder Machu Picchu, die zusätzlich kräftig Eintritt kosten.
Nachdem wir uns ausgiebig in Saqsayhuaman umgeschaut haben, laufen wir hinunter in die Stadt zur Plaza de Armas. Dies ist die wohl schönste und auch bekannteste Plaza in Lateinamerika. Wir genießen eine Zeitlang die besondere Atmosphäre des Platzes und besichtigen dann die Kathedrale und die schräg gegenüber liegende Iglesia (Kirche) de la Compañia de Jesús. Eintritt 25 bzw. 10 Soles pro Person. Beide Kirchen sind sehr eindrucksvoll und somit das Geld wert.

Auf der Plaza de Armas in Cusco, im Hintergrund die Iglesia de la Compañia de Jesús
Auf der Plaza de Armas in Cusco, im Hintergrund die Iglesia de la Compañia de Jesús
Kolonial-Architektur in Cusco
Kolonial-Architektur in Cusco
Ihre Paläste und Kirchen bauten die Spanier oft auf die Fundamente zerstörter Inka-Bauten
Ihre Paläste und Kirchen bauten die Spanier oft auf die Fundamente zerstörter Inka-Bauten

Nach dem Mittagessen reichen unsere Kräfte noch für eine letzte Besichtigung. Laut Lonely Planet soll man, wenn man nur eine einzige Besichtigung in Cusco machen will, unbedingt das Museum Qoricancha wählen. Ein echtes Muss. Leider gibt es in Cusco zwei Qoricancha-Museen. Und wir besichtigen natürlich prompt das „Falsche“, nämlich das, das über das Boleto Turistico abgedeckt ist. Zum Glück ist dieses Museum aber auch ganz interessant.

Terrassen von Pisac
Terrassen von Pisac
Im Ruinengelände von Pisac
Im Ruinengelände von Pisac
Sehr stabil ausgeführte Terrassenmauern in Pisac
Sehr stabil ausgeführte Terrassenmauern in Pisac

Auf dem Weg nach Pisac im Valle Sagrada besichtigen wir die kleineren Ruinenanlagen von Pukapukara und Tambomachay. Alle drei sind vom Boleto Turistico abgedeckt. Die beiden kleineren Anlagen muss man nicht unbedingt gesehen haben, aber Pisac beeindruckt uns sehr. Riesige, von hohen Steinmauern gestützte Terrassen ziehen sich den Berg hoch bis unmittelbar unter die befestigten Wohn- und Zeremonial-Bereiche. Wir fahren die Serpentinen hoch bis zu einem Parkplatz am Eingang und besichtigen die faszinierende Riesenanlage. Am späten Nachmittag beschließen wir, ein Stück den Berg hinunterzufahren und an einer Sackgassen-Einmündung zu übernachten. Zuerst stehen noch ein paar Busse dort. Aber irgendwann sind diese verschwunden, und wir richten uns ein. Gegen 20 Uhr, es ist längst stockdunkel, klopft es an der Tür. Draußen stehen drei Damen, die sagen, sie wären beim Innenministerium angestellt, und die uns erklären, dass Camping hier nicht zulässig ist. Dann verabschieden sie sich freundlich und gehen wieder. Wir ignorieren den netten Hinweis und gehen schlafen, wenn auch mit einem etwas mulmigen Gefühl.
Es passiert jedoch nichts. Wir stehen früh auf und gehen in der herrlichen Morgensonne erst einmal ausgiebig spazieren, wobei wir einen anderen Weg wählen als am Vortag. Die Ruinen sind immer noch toll. Beim anschließenden Hinunterfahren ins Tal werden wir an der Sperre sehr energisch angehalten, aber aus unerfindlichen Gründen man will nur unsere Eintrittskarten sehen und lässt uns ansonsten unbehelligt.

Einheimische Quetschua in Ollantaytambo
Einheimische Quetschua in Ollantaytambo

Wir fahren anschließend in aller Ruhe an fruchtbaren Feldern vorbei den Rio Urubamba abwärts nach Ollantaytambo. Hier liegt eine weitere Inka-Festung, wo die Konquistadoren 1536 eine größere Schlacht gegen die Inkas verloren haben. Doch die Festung muss warten. Wir fahren zunächst zur Boleteria von Peru Rail, um Zugfahrkarten für die Fahrt nach Machu Picchu zu besorgen. Folgende Überraschung wird uns dort serviert: Die Hinfahrt am folgenden Morgen ist ok, die Rückfahrt aber erst drei Tage später möglich. So viel Zeit haben wir nicht, denn bereits in gut einer Woche steht unser Heimaturlaub mit Flug von Lima nach Deutschland an. Der Grund für die vollen Züge bei der Rückfahrt ist, dass die Inca-Trail-Wanderer alle mit dem Bus zum Trailhead bei Kilometer 82 gefahren werden und dann ein paar Tage später mit dem Zug zurückkommen.
Wir überlegen, mit Leoni die 142 km nach Santa Teresa zu fahren. Auch von dort lässt sich Machu Picchu mit einigem Aufwand erreichen. Die Straße ist jedoch eine grobe Piste, und schon nach gut 1 km kehren wir um. Wir hätten die Strecke vor dem Dunkelwerden kaum geschafft. Und wir müssen den ganzen Weg ja auch noch zurück. Bleiben als letzte Möglichkeit die diversen Agenturen in Ollantaytambo. Wir klappern mehrere ab. Ein Agent bietet uns die Möglichkeit, mit dem Zug hinzufahren und dann ab Hydroelectrica mit dem Bus in 5 Stunden zurück nach Ollantaytambo. Doch das ist eine Stress-Variante, bei der kaum Zeit für Machu Picchu bleibt. Und außerdem: Wenn wir einen der vielen Anschlüsse verpassen, ist unser Heimflug akut gefährdet. Damit ist Machu Picchu für uns gestorben. Es ist eigentlich unfassbar. Für mich ist es jedoch nicht ganz so schlimm. Ich bin vor 33 Jahren schon einmal dort gewesen, nach vier wunderschönen und auch anstrengenden Tagen auf dem Inca Trail. Aber Hildegard nicht. Doch sie trägt ihr schweres Schicksal mit Fassung.

Präzise gearbeitetes Mauerwerk in Ollantaytambo
Präzise gearbeitetes Mauerwerk in Ollantaytambo
Ollantaytambo hat durchaus Ähnliches zu bieten wie Machu Picchu
Ollantaytambo hat durchaus Ähnliches zu bieten wie Machu Picchu

Somit haben wir mehr Zeit als vorgesehen für Ollantaytambo. Für zwei Nächte kommen wir mit Leoni im wunderschönen Garten der Ollantaytambo Lodge unter. Der vergleichsweise kleine und sehr malerische Ort von 700 Einwohnern liegt zu Füßen der eindrucksvollen Festung und ist laut Lonely Planet vom Aufbau her eine typische Inka-Siedlung. Die Festung zieht sich hinter dem Ort terrassenförmig den Berg hoch. Im Bereich der Tempelanlagen ist das Gemäuer sehr präzise und fein gearbeitet, durchaus vergleichbar mit dem in den Tempelbezirken von Qoricancha oder Machu Picchu. Wir haben das Gefühl, dass es irgendwie schade gewesen wäre, wenn wir Ollantaytambo zu Gunsten von Machu Picchu hätten links liegen lassen müssen.

Alpaka-Herde auf der Weide in 4.000 m Höhe
Alpaka-Herde auf der Weide in 4.000 m Höhe
Alpakas und Schafe vor herrlicher Altiplano-Landschaft
Alpakas und Schafe vor herrlicher Altiplano-Landschaft

Für die Weiterfahrt nach Nasca haben wir zwei Tage vorgesehen. Zur Orientierung diente uns dabei der Zeitplan der Überland-Omnibusse, die für die Strecke 14 Stunden veranschlagen. Doch wir kommen nur langsam voran und machen kaum Strecke. Wir sind immerhin im Hochgebirge und müssen mehrere Bergketten überwinden. Die Anden sind ein hohes und sehr steiles Gebirge. Wir starten in Ollantaytambo auf ca. 2.800 m, es geht rauf auf 3.700 m und wieder runter auf 1.800 m, dann wieder rauf auf über 4.000 m, hinter Abancay erneut runter auf 1.800 m und bis zu unserem Übernachtungsplatz 50 m neben der Straße an einem Flussufer wieder rauf auf 2.300 m. In der Horizontalen haben wir nur knapp 300 km geschafft, auch weil wir an einer Baustelle eine Dreiviertelstunde aufgehalten wurden. Der Straßenzustand ist übrigens auf der ganzen Strecke erstaunlich gut. Die Peruaner haben eine ausgezeichnete Straße durch sehr schwieriges Gelände gebaut und investieren auch intensiv in den Erhalt dieser Straße. Der Nachteil dieser Vorgehensweise für uns Reisende sind immer wieder längere Streckenabschnitte, auf denen die Straße erneuert wird.

Zwangsaufenthalt auf 4.500 m Höhe
Zwangsaufenthalt auf 4.500 m Höhe
Alpakas und Schafe direkt neben der uns aufhaltenden Baustelle
Alpakas und Schafe direkt neben der uns aufhaltenden Baustelle
Alpakas sind richtige Wollknäuel und ziemlich „knuddelig“
Alpakas sind richtige Wollknäuel und ziemlich „knuddelig“

Am nächsten Morgen ist es draußen 16 Grad warm, drinnen haben wir sogar 19 Grad. So angenehme Temperaturen hatten wir beim Aufstehen schon sehr lange nicht mehr. Bei der Weiterfahrt geht es zunächst leicht aufwärts, aber sehr zügig am Fluss entlang. Doch das bleibt leider nicht so. Es folgen steile Serpentinen den Berg hinauf. Wir erreichen zuerst 3.000 m, dann 4.000 m. Leoni rußt wie noch nie und nimmt auch nicht richtig das Gas an. Die Fahrt ist etwas mühsam. Irgendwann sind wir auf 4.500 m, und plötzlich stehen wir als erstes (!) Fahrzeug vor einer Straßenbaustelle mit Vollsperrung. Man hat die Straße unmittelbar vor unserer Nase zugemacht. Wir sitzen 1,5 Stunden fest. Das gefährdet unseren Plan, noch vor dem Dunkelwerden Nasca zu erreichen. Immerhin jedoch gibt mir der Zwangsaufenthalt die Gelegenheit, in der Umgebung ausgiebig Alpaka- und Schafherden vor herrlicher Altiplano-Landschaft zu fotografieren. Wir waren jedoch schon lange nicht mehr in solch extremen Höhen, und die dünne Luft beginnt sich auszuwirken. Ich bekomme Kopfschmerzen. Doch irgendwann sind die 1,5 Stunden Wartezeit vorbei, und es geht weiter, und zwar steil bergab nach Puquio. Die Kopfschmerzen sind bald vergessen.

Fruchtbare Berglandschaft auf dem Weg nach Nasca
Fruchtbare Berglandschaft auf dem Weg nach Nasca

Kurz vor Puquio geraten wir in eine Agrarkontrolle. Zur Vermeidung der weiteren Ausbreitung einer Fruchtfliege bzw. zu deren Eindämmung sollen unsere Mandarinen, Äpfel und Maracujas vernichtet werden. Das lassen wir aber nicht zu. Wir essen alles auf. Zum Glück sind unsere Vorräte in letzter Zeit ziemlich geschrumpft, so dass wir dies problemlos schaffen. Bananen, Tomaten und Avocados dürfen wir behalten. Etwas unter Zeitdruck fahren wir weiter. Hinter Puquio geht es noch einmal steil hinauf bis auf weit über 4.000 m und dann mindestens genau so steil wieder hinunter nach Nasca, das auf nur noch 600 m Höhe liegt. Für die herrliche Landschaft um uns herum haben wir leider nicht die dafür eigentlich angemessene Zeit. In der Dämmerung kommen wir in Nasca an, tanken am Ortseingang Leoni voll und fahren dann im Stockdunkeln die letzten Kilometer zum Hotel Maison Suisse am Flughafen, wo wir Leoni im Hinterhof unter Palmen abstellen dürfen. Für den folgenden Morgen buchen wir dann im Hotel noch einen Überflug über die berühmten Nazca-Linien und -Scharrbilder.
Am Flughafen werden wir gegen 11 Uhr bei „unserer“ Fluglinie AeroNasca in eine Liste eingetragen und aufgefordert, erst mal anderthalb Stunden zu warten. Das tun wir notgedrungen, während draußen immer mehr Wind aufkommt, der zunehmend Sand aufwirbelt. Nach fast zwei Stunden Wartezeit werden wir unruhig, fragen nach und erfahren, dass alle Flüge wegen des schlechten Wetters storniert sind. Zur Freude der Dame hinter dem Schalter verlangen wir nicht unser Geld zurück, sondern akzeptieren die Verschiebung unseres Fluges auf den folgenden Tag. Man verspricht uns, dass wir auf die allererste Maschine am frühen Morgen kommen. Der Sandsturm wird im Laufe des Nachmittags immer heftiger, und zwar so heftig, wie ich es bisher nur aus der Sahara kenne, ebbt zum Abend hin dann aber völlig ab.

In Nasca vor dem Abflug
In Nasca vor dem Abflug
Die Spinne
Die Spinne
Der besonders eindrucksvolle Kolibri
Der besonders eindrucksvolle Kolibri

Am nächsten Morgen ist es zwar noch etwas diesig, aber windstill. Pünktlich um 7 Uhr werden wir am Hotel abgeholt. Und um 8.30 Uhr sind wir mit unserer kleinen Cessna in der Luft. Pilot, Co-Pilotin und 5 Passagiere. Bald sind wir über den Nasca-Linien und -Figuren. Die Sicht ist nicht perfekt, aber es ist kein Vergleich zu gestern und eigentlich ganz ok. Wir sehen viele Figuren, zuerst den Wal, dann Astronaut, Affe, Hund, Spinne, Kolibri, Kondor und einige mehr. Der Auslöser der Kamera glüht. Da der Pilot den links und rechts sitzenden Passagieren gleichermaßen alle Attraktionen kameragerecht servieren will, fliegt er wilde Kurven und setzt den Flieger abwechselnd auf die linke und die rechte Flügelspitze. Hildegard sitzt hinter mir, und ihre Nachbarin, die bald etwas grün im Gesicht ist, nutzt fleißig die Tüte, die in der Sitztasche für gewisse Notfälle vorgesehen ist. Mein Magen macht sich auch bemerkbar, aber das schwere Schicksal, auf eine Tüte zurückgreifen zu müssen, bleibt mir gerade noch erspart. Der Flug ist toll, aber es ist auch schön, als er nach etwa einer halben Stunde vorbei ist.

Aus ca. 15 m Höhe kann man die Struktur der Scharrbilder gut erkennen
Aus ca. 15 m Höhe kann man die Struktur der Scharrbilder gut erkennen
Aus 3 – 4 m Höhe erkennt man fast gar nichts mehr
Aus 3 – 4 m Höhe erkennt man fast gar nichts mehr

Um mich zu schonen, fährt sicherheitshalber Hildegard das erste Stück. Sie hat den stabileren Magen. Ein paar Kilometer nördlich der Stadt befindet sich ein vielleicht 20 m hoher Hügel, von dem aus man ein paar der Nasca-Linien aus der Nähe betrachten kann. Diese Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Ein Stück weiter kommt dann ein Aussichtsturm, den wir ebenfalls besteigen und der den Blick auf zwei nahe gelegene Scharrbilder ermöglicht. Dabei wird sehr klar, dass man die Figuren aus 10 bis 20 m Höhe gut erkennen kann, aus 3 bis 4 m Höhe kaum noch und aus der Frosch-Perspektive am Boden gar nicht mehr. Es bleibt ein großes Rätsel, wie die Figuren so präzise, wie sie sind, vor ca. anderthalb Jahrtausenden von den Menschen der längst untergegangenen Nasca-Kultur geschaffen werden konnten.
Die Panamericana, auf der wir jetzt Richtung Norden fahren, führt durch wüstenhaftes Gelände, das stark an Nordafrika oder den Sahel erinnert. Ab und zu passieren wir Flussoasen, und wenn das Wasser dazu ausreicht, finden sich auch ausgedehnte grüne Plantagen mit Wein, Baumwolle, Zwiebeln, Spargel, etc. Unmittelbar neben diesen bewässerten Plantagen ist in der Regel wieder vegetationslose Wüste.
Ca. 200 km vor Lima nehmen wir eine Stichstraße Richtung Meer und finden einen ruhigen Übernachtungsplatz direkt am Strand. Nach einer entspannten Nacht, akustisch untermalt von Meeresrauschen, geht es weiter nach Lima, in die peruanische Hauptstadt. Dort bereiten wir uns auf unseren mehrwöchigen Heimaturlaub vor. Zeit für Besichtigungen haben wir zunächst nicht. Leoni bekommt einen kompletten Tag in einer Reparaturwerkstatt verordnet und erhält eine generalüberholte Vorderachse: Alle Lager und Dichtungen neu, Bremsklötze neu, Bremsscheibe abgedreht und poliert, alles neu geschmiert, neues Öl ins Differenzialgetriebe.

Monteure bauen Leonis Vorderachse auseinander
Monteure bauen Leonis Vorderachse auseinander
Als die schwarze Brühe in Strömen auf den Boden läuft, seufzt einer der Monteure „hermoso, que hermoso!“(Ach, wie ist das schön).
Als die schwarze Brühe in Strömen auf den Boden läuft, seufzt einer der Monteure „hermoso, que hermoso!“(Ach, wie ist das schön).

Am Tag vor unserem Rückflug nach Deutschland bringen wir Leoni mit dem Segen des peruanischen Zolls bei einer Spedition unter, in der Erwartung, in ein paar Wochen voller Tatendrang wiederzukommen und unsere Reise nach Norden in Richtung Alaska fortzusetzen.

4 Comments

  1. Dieter und Elke Kunz said:

    Liebe Weltreisende,
    herzlichen Dank für den Bericht von Peru. Er erinnert uns an unsere Reise dorthin vor 42 Jahren!!Ein hochinteressantes Land.
    Einen guten Heimflug wünschen wir und hoffen auf ein Wiedersehen.
    Für Hildegard, wo immer Ihr jetzt seid, ganz liebe Glückwünsche zum Geburtstag, weiterhin alles Gute, Gesundheit, Muße und tolle Erfahrungen ( die kann einem niemand nehmen).
    es grüßen Elke und Dieter

    14. August 2015
    Reply
  2. Bernd said:

    Hallo Leoni-Besatzung,
    ihr macht Eure Drohung also wahr, und kommt in Kürze nach Hause. Schön für Euch, dass Ihr dank der Romane von Franz niemandem erzählen müsst, wo Ihr gewesen seid und wie es war. Es reicht die Aushändigung der http://opp-joeck.de – Adresse und derjenige wird Euch nie wieder mit solchen Fragen belästigen.
    Nun aber zur letzten Halbzeit-Etappe:
    Die peruanischen Zollbeamten haben alle einen Zweit-Job. Der Kollege, an den Ihr geraten seid, hat nebenher ein Microbus-Unternehmen am laufen. Mit Fahrten nach Puno und zurück will er kräftig verdienen. Ihr müsst da also schon sehr traurig geguckt haben, dass sich der Beamte dieses Geschäft entgehen ließ.

    Machu Picchu ist also für Hildegard gestorben. Es ist eigentlich unfassbar und für Franz ist es nicht ganz so schlimm. Franz: Vor 33 Jahren das war der Hügel noch nicht mal ganz ausgegraben und der Inka-Trail noch nicht asphaltiert. Und jetzt erwartest du, dass Hildegard ihr schweres Schicksal mit Fassung erträgt und dieses 7. Weltwunder niemals zu sehen bekommt? Ihr könnt ja nach Eurem „Urlaub“ Leoni dazu zwingen, nochmals nach Cuzco zu fahren, und dann auch gleich den Colca-Canyon machen.

    Ansonsten viel Spaß bei der Heimreise und willkommen im Ländle.
    Gruß
    Bernd

    14. August 2015
    Reply
  3. matt said:

    Lese die Berichte sehr gerne und es scheint wir nähern uns langsam…bin inzwischen in Mexico auf dem Weg nach Süden. Weiteres unter http://www.matt-on-tour.de bis dann in Kolumbien oder Ecuador. Grüße matt

    23. August 2015
    Reply
  4. Bernd said:

    Hallo Heimurlauber,
    na, schon wieder in Südamerika? Hoffentlich hat Leoni auf Euch gewartet. Vergesst auf keinen Fall den doppelten Boden zu füllen. Je weiter Ihr Euch Mittelamerika nähert, desto weniger Weinreben gibt es.
    Viel Spaß wünscht Euch
    Bernd

    7. Oktober 2015
    Reply

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