Von Melbourne nach Sydney

Südöstliches Australien

Die Überfahrt mit der Spirit of Tasmania II von Devonport zurück aufs australische Festland verläuft ruhig und ereignisarm. Wir sind tagsüber unterwegs und kommen abends in der Dämmerung im Hafen von Melbourne an. Die folgenden zwei Tage investieren wir in die Besichtigung der sehr schönen und interessanten Hauptstadt des Bundesstaates Victoria. In einer vom britischen Nachrichtenmagazin „The Economist“ jährlich durchgeführten Studie kam Australiens zweitgrößte Stadt 2017 zum siebenten Mal in Folge auf Platz eins der lebenswertesten Städte der Welt. Und ich muss sagen, es fällt mir nicht allzu schwer, dieses Ergebnis nachzuvollziehen.

Einiges ist mir von meinem Aufenthalt vor gut vier Wochen ja schon bekannt, für Hildegard ist es dagegen der erste Besuch. Wir durchstreifen ausgiebig das Zentrum und machen hin und wieder Pause in einem der vielen Restaurants und Cafés. Extrem auffällig im Straßenbild ist das Gemisch der Rassen und Kulturen. Noch nirgendwo auf der Welt ist uns dies dermaßen stark aufgefallen. Das lange Zeit propagierte „weiße“ Australien ist definitiv Vergangenheit. Und wir gewinnen den Eindruck, dass das Ganze völlig reibungslos funktioniert.

Melbourne mit dem Visitor Centre am Federation Square
Yarra River im Zentrum von Melbourne
Stadtzentrum von Melbourne vom Yarra River aus gesehen
Flinders Station

Ein Highlight für uns ist der Besuch des zentrumsnahen Sealife Aquariums, das mit 42 Dollar Eintritt pro Person sicher nicht billig, dafür aber das Geld unbedingt wert ist. In einem riesigen Meerwasserbecken schwimmen Haie, Rochen, Sägefisch, Napoleon und viele andere Großfische kreuz und quer durcheinander. Das Besondere liegt darin, dass die Besucher das Becken in einem gläsernen Tunnel durchqueren können, was zur Folge hat, dass die Tiere über einen hinweg gleiten, ein Anblick, der sonst nur Tauchern vergönnt ist. Das Ganze ist sehr eindrucksvoll.

Im Tunnel unter dem Meerwasserbecken im Sealife Aquarium

In anderen, kleineren Becken werden zum Teil äußerst exotische Lebewesen gezeigt, zum Beispiel der Große Fetzenfisch. Er lebt an der Südküste Australiens in 3 bis 30 m Tiefe, wird bis zu 35 cm lang und sieht Seetang zum Verwechseln ähnlich. Somit ist er in Unterwasserwäldern perfekt getarnt. Man muss schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass es sich hier um einen Fisch und nicht um eine Pflanze handelt.

Großer Fetzenfisch

Königspinguine haben wir seit unserer Antarktis-Tour vor drei Jahren nicht mehr zu sehen bekommen. Im Sealife Aquarium in Melbourne werden sie nicht nur gehalten, sondern auch erfolgreich gezüchtet. Wir sehen in der Antarktis-Abteilung mehrere kleine Jungtiere, die auf den Füßen ihrer Eltern stehen und sich in deren Gefieder kuscheln, um sich zu wärmen.

In einer Toyota Werkstatt in einem der vielen Vororte erledigen wir noch Öl- und Filterwechsel sowie Abschmieren, lassen bei BCF (Boating, Camping, Fishing) unsere Gasflaschen füllen und machen uns auf den Weg zur berühmten Great Ocean Road westlich von Melbourne. Leider spielt das Wetter in den folgenden Tagen nicht so richtig mit. Es regnet zwar nicht gerade ununterbrochen, aber immer wieder kommt ein Schauer runter, und einmal werden wir bei einer Wanderung richtig klatschnass.

Der östliche Teil der Great Ocean Road liegt großenteils im Great Otway National Park, der weiter im Westen dann in den Port Campbell National Park übergeht. Einige Regenwald-Areale konnten hier vor der totalen Vernichtung durch Abholzung gerettet werden. Auch für die reiche Tierwelt bieten die geschützten Bereiche ein sicheres Zuhause. Leider sind auch eingeschleppte Arten wie der europäische Rotfuchs (Vulpes vulpes) darunter, der der einheimischen Tierwelt erheblich zusetzt und mit Giftködern bekämpft wird. Wir sehen das wahrscheinlich gleiche Individuum an zwei aufeinander folgenden Abenden aus nächster Nähe. Es ist wohl der größte Fuchs, den wir jemals gesehen haben. Diese zweifache Begegnung lässt darauf schließen, dass die Sache mit den Giftködern nicht so recht klappt. Es könnte die falsche Methode sein. Ein Jäger mit Gewehr hätte den Fuchs problemlos erlegen können.

Erskine Falls im Great Otway National Park
Gelbhaubenkakadu
Männlicher Königssittich. Die Weibchen sind ganz grün eingefärbt (Geschlechtsdimorphismus).
Östliches Graues Riesenkänguru

Ein besonders interessanter Bereich befindet sich in unmittelbarer Nähe des Capes Otway, und zwar ganz knapp außerhalb des Great Otway National Parks. Der private Bimbi Park bietet nicht nur einen attraktiven Campground, sondern auch einen der besten Orte in Australien, um Koalas zu beobachten. Die Koalas sind hier so zahlreich, dass die als Schattenspender dienenden Eukalyptusbäume im Campground-Bereich alle mit einer Metall-Manschette umgeben sind, um die Koalas am Hinaufklettern zu hindern. Koalas leben ausschließlich von möglichst jungen Eukalyptusblättern, fressen regelmäßig ganze Baumkronen leer, bringen so ihre Futterbäume um und gefährden ihren Lebensraum. In bestimmten Gegenden, zum Beispiel auf Kangaroo Island, hat man daher schon begonnen, Koalas zu sterilisieren, um deren Vermehrung einzudämmen.

Wir erfreuen uns jedoch am Vorhandensein dieser putzigen Kerlchen. Um sie zu finden, müssen wir uns nicht sonderlich anstrengen. Sie sind eigentlich fast überall. Am ersten Tag entdecken wir 12 Stück und am nächsten 11, wahrscheinlich zumindest im Wesentlichen dieselben Individuen. Gelegentlich, vor allem in der Nacht, geben die Koalas erstaunlich lautstarke Geräusche von sich, die man so kleinen Tieren gar nicht so ohne weiteres zutraut.

Im Bimbi Park bei Nieselregen. Die Bäume sind durch Metall-Manschetten gegen Koalas geschützt.
Auf der Suche nach Koalas
Koala beim Fressen in Eukalyptus-Baum
Müder Koala
Männlicher Koala (rechts) pirscht sich an Weibchen heran, um für die nächste Generation zu sorgen, wird aber abgewiesen.

Im Bereich des Capes Otway gibt es auch eine ganze Reihe schöner Wanderwege, die wir in Regenpausen ausgiebig nutzen. Dabei lernen wir auch ein Stück des Great Otway Walks kennen, der in 8 Tagesetappen parallel zur Great Ocean Road an der Küste entlang verläuft. Am Otway Lighthouse, einem der wichtigsten und ältesten Leuchttürme Australiens, will man für das Betreten des Geländes 19,50 Dollar Eintritt pro Person von uns. Wir haben jedoch schon so viele Leuchttürme gesehen und lehnen dankend ab.

Auf dem Great Ocean Walk
Aufgewühlter Southern Ocean am Station Beach im Great Otway National Park

Richtig attraktiv wird die Küste an der Great Ocean Road eigentlich erst in unmittelbarer Nähe der 12 Apostel. An den Gibson Steps, die schon zum Port Campbell National Park gehören, klettern wir eine Treppe zum Strand hinunter und stehen staunend vor den imposanten Felsklippen und -säulen aus Kalkstein. Die nur knapp zwei Kilometer entfernten 12 Apostel sind von hier noch nicht zu sehen, sondern hinter einer Felsbiegung verborgen.

Am Strand bei den Gibson Steps

Am Parkplatz beim 12 Apostles Visitor Centre weisen uns uniformierte Ordnungskräfte ein, und wir sind erstaunt, dass wir nicht zur Kasse gebeten werden. Und zwar weder für den Parkplatz noch anschließend für den Besuch der Aussichtsterrassen oberhalb der 12 Apostles. Dafür hätte man unserer Meinung nach durchaus ein paar Dollars nehmen können. Aber Victoria ist in dieser Hinsicht sehr großzügig.

Das Wetter meint es inzwischen wieder richtig gut mit uns, und die Aussicht auf die 12 Apostel bei tollem Licht ist wirklich eindrucksvoll. Eine richtig imposante Landschaft, die aber auch gut vermarktet wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie eigentlich der Name dieses Fels-Ensembles zustande kam.

Der Lonely Planet Australia schreibt dazu Folgendes: Ursprünglich wurden die Felsen „Sow and Piglets“ genannt, also „Die Sau und die Schweinchen“. In den 60er Jahren kam jemand auf die Idee, mit einem etwas attraktiveren Namen zusätzliche Touristen anzulocken. Die Felsen wurden in „Die Apostel“ umbenannt. Da Apostel dazu tendieren, zu zwölft aufzutreten, wurden daraus die „12 Apostel“. Dass es niemals 12 Felsen waren, sondern je nach Zählweise nur 8 oder 9, spielte dabei keine Rolle.

Wie wir uns überzeugen können, hat der beschriebene Marketing-Trick hervorragend funktioniert. Die 12 Apostel sind zu einer festen Größe im australischen Tourismusgewerbe geworden. Der tägliche Andrang auf den Aussichtsplattformen ist gewaltig.

Hildegard vor den 12 Aposteln
Die 12 Apostel

Im weiteren Verlauf der Great Ocean Road stehen noch mehrere Attraktionen zur Besichtigung an. Die Loch Ard Gorge ist benannt nach dem Segelschiff Loch Ard, das hier 1878 an der berüchtigten Ship Wreck Coast sank. Nur zwei Personen überlebten den Schiffbruch, ein Schiffsjunge und ein 18jähriges irisches Mädchen. Die Beiden wurden in der Schlucht angeschwemmt, und der junge Mann rettete dem Mädchen das Leben. In der Folge wurde den beiden jungen Leuten eine Liebesgeschichte angedichtet, die aber wohl ohne realen Bezug war.

Weitere interessante Felsformationen sind The Arch und The London Bridge. Letztere stürzte im Januar 1990 zum Teil ein, interessanterweise, als sich gerade zwei Touristen auf dem plötzlich zur Insel gewordenen äußeren Felsbogen befanden. Die Beiden mussten von einem Hubschrauber gerettet werden.

In der Loch Ard Gorge
The Arch
1990 zum Teil eingestürzte London Bridge
Australisches Straßenschild in der Sprache der Zukunft
Im Pub in Port Fairy

In Port Fairy ändern wir unsere Fahrtrichtung um 180 Grad und fahren statt wie zuletzt nach Westen wieder nach Osten. Um zu unserem nächsten Ziel, dem Wilsons Promontory National Park zu kommen, müssen wir Melbourne komplett durchqueren, was uns wider Erwarten relativ problemlos gelingt.

„The Prom“, wie Wilsons Promontory National Park von den Einheimischen genannt wird, liegt am südlichsten Punkt von Festland-Australien und ist einer der beliebtesten Parks zumindest in Victoria. Das liegt zum Einen an seiner Nähe zu Melbourne und zum Anderen an seiner fantastischen Landschaft sowie der umfangreichen Tierwelt. Bis vor ca. 10.000 Jahren, also bis zum Ende der letzten Eiszeit, als der Meeresspiegel deutlich niedriger lag als heute, bestand hier eine Landbrücke nach Tasmanien, worüber die Aborigines die heutige Insel Tasmanien trockenen Fußes erreichen konnten.

Zentraler Punkt des Parks ist das Visitor Centre mit dem riesigem und genial gelegenem Campground in Tidal River, der mit 60,40 Dollar pro Nacht allerdings auch einer der teuersten Campgrounds unserer gesamten Reise ist. Von hier aus führen etliche sorgfältig angelegte Wanderwege durch die verschiedenen Ökosysteme des Parks, an der Küste entlang oder auch ins Landesinnere.

Wanderweg im Wilsons Promontory National Park
Regenwald am Lilly Pilly Gully Circuit Walk
Tidal River am Campground flussaufwärts
Tidal River am Campground flussabwärts
Australien ist eine Surfer-Nation. Surfausbildung für den Nachwuchs im Tidal River

Am ersten Abend nach Essen und Geschirrspülen schaue ich aus der Kabinentür und stelle erstaunt fest, dass zwei Wombats unmittelbar vor Leoni sitzen, die von unseren Zeltnachbarn mit Taschenlampen angestrahlt werden. Es sind unsere ersten freilebenden Wombats überhaupt. Mit Kamera und Taschenlampe begeben wir uns zügig nach draußen. Und finden in den nächsten Minuten insgesamt vier Wombats und drei Possums in der unmittelbaren Umgebung. Ein Possum (zu deutsch Kusu) hatte ich vorher auch nur genau ein einziges Mal gesehen, auf Kangaroo Island, im Dunkeln vom Auto aus. Später, als wir entspannt mit einem Glas Wein vor Leoni sitzen, klettert ein Wombat fast über unsere Füße, und ein Possum kommt bis auf zwei Meter heran. Es ist ein absolut toller Wildlife-Abend.

Tidal River kurz vor der Abenddämmerung
Erste Begegnung mit einem Wombat
Wombat-Mutter mit Kind
Possum / Kusu
Fußgängerüberweg auf australisch. Fahrzeuge haben Vorfahrt.

Knapp 200 km östlich von „The Prom“ beginnt der Ninety Mile Beach, der nicht zufällig so heißt. Wie bei seinem wohl berühmteren Namensvetter in Neuseeland erstreckt sich hier ein von nichts unterbrochener 90 Meilen (ca. 150 km) langer Sandstrand. Meer, Sandstrand, Dünen, dahinter Lagunen. Und wie an einer Perlenkette aufgereiht jede Menge kostenlose Campgrounds, die jetzt außerhalb der Saison nur noch sehr wenig frequentiert sind. Hier verbringen wir ein paar schöne Tage Strandurlaub.

Am Ninety Mile Beach

Auf unserem Weg nach Sydney durchqueren wir als Nächstes die Australischen Alpen und erreichen den Oberlauf des Murray River. Der Mighty Murray ist mir aus Südaustralien ja schon gut bekannt. Auf mehr als 1.800 km Länge bildet er die Grenze zwischen den Bundesstaaten Victoria und New South Wales, bevor er nach Südaustralien hinüberwechselt. An seinem Oberlauf mäandert er durch eine liebliche hügelige Landschaft, die mir ausgesprochen gut gefällt. Wir campen direkt am Fluss, dessen Strömung immerhin so stark ist, dass es mir nicht gelingt, schwimmend gegen sie anzukommen. So lasse ich mich treiben, laufe flussaufwärts zurück und wiederhole das Spiel.

Der Murray River bei Walwa. Rechtes Ufer Victoria, linkes Ufer New South Wales
Oberlauf des Murray Rivers. Im Hintergrund die Australischen Alpen (1)
Oberlauf des Murray Rivers. Im Hintergrund die Australischen Alpen (2)

Leider wurde der Murray bei Albury zum Lake Hume aufgestaut und der Bewuchs vor der Flutung des Sees nicht sauber entfernt. Wir sind entsetzt über den Anblick von unzähligen Baumstümpfen, die aus dem jahreszeitlich bedingt nur halb gefüllten See aufragen. Es ist gruselig. Ähnliches kennen wir vom Kariba-Stausee in Afrika, aber dass es so etwas auch in Australien gibt, finden wir schon überraschend. Einen von uns bereits angefahrenen Campground am See verlassen wir ganz schnell wieder, um flussaufwärts ein ganzes Stück vor Beginn der Aufstauung den schon erwähnten wunderschönen Stellplatz mit Schwimmmöglichkeit zu beziehen.

Trostlose Wasser-Landschaft am aufgestauten Murray River

Das Visitor Centre von Corryong erteilt uns die Auskunft, dass beim Grenzübertritt nach New South Wales (NSW) keine Lebensmittelkontrollen stattfinden. Also füllen wir im örtlichen Supermarkt unsere Vorräte auf, fahren ein paar Kilometer weiter über die Murray-Brücke und sind in New South Wales.

In New South Wales angekommen

Am Eingang zum Kosciuszko National Park wenige Kilometer weiter kaufen wir zum stolzen Preis von 190 Australischen Dollar einen Jahrespass für die NSW National Parks. Alternativ werden Tagestickets für 17 Dollar angeboten. Den damit zwangsläufig verbundenen Stress, sich ständig um Tagestickets kümmern zu müssen, wollen wir uns jedoch nicht antun. Schon in Western Australia hatten wir einen Jahrespass für die dortigen Nationalparks erstanden, allerdings für knapp die Hälfte des NSW-Preises. In Western Australia kommen jedoch im Gegensatz zu NSW fallweise Campinggebühren hinzu. In South Australia ist ein nur für Kangaroo Island gültiger Jahres-Pass für 73 Dollar fällig, auf dem Festland fallen für die National Parks dagegen jeweils Tagesgebühren an, die nur online bezahlt werden können, was mangels Netz für uns entweder unmöglich war bzw. in anderen Fällen von uns gezielt vermieden wurde. Tasmanien verlangt für einen National Parks Pass, der acht Wochen Gültigkeit hat, 60 Dollar, in Victoria sind dagegen alle Parks kostenlos.

Die angegebenen Preise gelten jeweils pro Fahrzeug. Es herrscht ganz offensichtlich und für jeden leicht erkennbar ein ziemliches Durcheinander. Ein Standard, sprich eine einheitliche Regelung für ganz Australien hätte meiner Meinung nach richtig viel Charme.

Der Kosciuszko National Park ist mit 6.735 qkm der größte National Park von NSW. Er deckt einen Großteil der Australischen Alpen ab. Auch der mit 2.228 m höchste Berg des australischen Festlandes, der Mount Kosciuszko, befindet sich im Park. Benannt wurde er 1840 von dem polnischen Abenteurer und Entdecker Paweł Edmund Strzelecki zu Ehren des polnischen und US-amerikanischen Nationalhelden Tadeusz Kościuszko.

In den Australischen Alpen

Die erste Nacht im Park stehen wir ganz allein unmittelbar am Ufer des Murray Rivers, auf einem geradezu fantastischen Stellplatz. Das Wasser ist auf einer längeren Strecke tief genug zum Schwimmen, kommt mir hier im Gebirge aber deutlich kühler vor als am Vortag in der Ebene. Als ich am späten Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, aus Leonis Fenster schaue, sehe ich eine auffällige Bewegung im Wasser, schnappe meine Kamera und springe ans Ufer. Und tatsächlich sind hier Schnabeltiere auf Futtersuche unterwegs. Ich vermute, es sind drei verschiedene, bringe aber kein brauchbares Foto zustande. Es ist einfach schon zu dunkel.

Am folgenden Abend – wir sind ein paar Kilometer weitergefahren und jetzt bereits jenseits der Great Dividing Range, der kontinentalen Wasserscheide – machen wir uns erneut auf die Suche nach dämmerungs- und nachtaktiven Tieren. Auf einer Fußgängerbrücke über den Thredbo River bleiben wir eine Zeitlang stehen und beobachten die Wasseroberfläche. Auch hier gibt es etliche „verdächtige“ Bewegungen, aber wir sind nicht sicher, ob es sich um Schnabeltiere oder um Fische handelt. Auf dem Rückweg, es ist inzwischen fast völlig dunkel, sitzt dann ein sehr großer Wombat mitten auf dem Weg. Er lässt sich längere Zeit beobachten, und erst als wir ihm allzu nahe kommen, verschwindet er blitzartig im Eingang seiner Höhle, die er sehr besucherfreundlich unmittelbar neben bzw. unter dem Weg angelegt hat. Fotos von diesem tollen Erlebnis gibt es nicht, dafür aber von Kängurus, die sich reichlich auf allen Campgrounds tummeln und auch gerne fotografieren lassen.

Kängurus zeigen wenig Scheu
Känguru-Mutter mit Jungem
In vielen Orten findet man perfekt ausgestattete Ver- und Entsorgungsstellen, wie hier in Cooma.

Canberra, die Hauptstadt Australiens und unser nächstes Ziel, hat eine ziemlich ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Als 1901 der Australische Bund, der Commonwealth of Australia, gegründet wurde, brauchte das aus den verschiedenen Kolonien entstandene und nun vereinte Australien natürlich eine Hauptstadt. Da man sich nicht einigen konnte, ob Melbourne oder Sydney diese Funktion übernehmen sollte, wurde kurzerhand auf halbem Wege eine neue Stadt aus dem Boden gestampft: Canberra. 1913 gegründet und von einem amerikanischen Architekten gestaltet wurde Canberra schließlich 1927 die neue Hauptstadt Australiens.

Die sehr weitläufig angelegte Stadt verfügt über eine ganze Reihe erstklassiger Museen und Galerien. Das Museum of Australian Democracy beispielsweise ist im Old Parliament House untergebracht, wo bis 1988 die Regierungsgeschäfte abgewickelt wurden. Das neue Parliament House liegt ein paar hundert Meter weiter bergauf an der Spitze des Capital Hill und kann genau wie das alte problemlos besichtigt werden. Allerdings müssen wir hier eine Sicherheitsüberprüfung ganz analog zum Einchecken auf einem Flughafen über uns ergehen lassen. Wir nehmen an einer 45minütigen sehr informativen Führung teil und können genau wie im Old Parliament House sowohl den Plenarsaal des Unterhauses (House of Representatives) als auch den des Oberhauses (Senate) besichtigen.

Old Parliament House, Canberra
Seit 1988 bestehendes neues Parliament House

Nicht weit entfernt liegen direkt nebeneinander die National Portrait Gallery und die National Gallery of Australia. In der National Portrait Gallery sind unzählige Portraits berühmter Personen mit Bezug zu Australien zu sehen, von James Cook über William Bligh, den Kapitän der Bounty, bis hin zu Truganini, die wir ja schon aus Tasmanien kennen.

In der National Gallery of Australia konzentrieren wir uns auf die Bereiche, die sich mit den Aborigines beschäftigen. Dem Maler Albert Namatjira mit seinen in Wasserfarben gemalten zentralaustralischen Landschaften ist eine große Halle gewidmet, in der eine Vielzahl seiner ausdrucksstarken Werke zu bewundern ist. Am eindrücklichsten finden wir jedoch das Aboriginal Memorial, das 1988 zum Anlass der zweihundertjährigen europäischen Besiedlung Australiens angefertigt wurde. Es besteht aus 200 bemalten hohlen Baumstämmen, die zeremonielle Särge darstellen, für jedes Jahr der europäischen Besiedlung einen, und wurde von insgesamt 43 Künstlern aus Arnhemland im Northern Territory hergestellt. Es ist ästhetisch sehr ansprechend und wird von den Aborigines als War Memorial, als Kriegerdenkmal, gesehen, zur Erinnerung an die Aborigines, die im Kampf um ihr Land in den 200 Jahren seit der Landung der First Fleet 1788 den Tod gefunden haben.

National Gallery of Australia
1988 geschaffenes Aboriginal Memorial, bestehend aus 200 zeremoniellen Särgen, einer für jedes Jahr der europäischen Besiedlung seit 1788 (1)
1988 geschaffenes Aboriginal Memorial, bestehend aus 200 zeremoniellen Särgen, einer für jedes Jahr der europäischen Besiedlung seit 1788 (2)

Das National Museum of Australia, das im Gegensatz zu den genannten Institutionen auf der nördlichen Seite des künstlichen Lake Burley Griffin liegt, der Canberra durchzieht, konzentriert sich bezüglich der Aborigines mehr auf die praktischen Dinge des Lebens. Man findet Kanus, Fischreusen, Boomerangs, Didjeridoos, die entsprechenden Erklärungen und vieles mehr. In anderen Abteilungen sind weitere Aspekte der australischen Geschichte dargestellt. Hier fasziniert uns besonders die Perlentaucherei im Gebiet von Broome in Western Australia.

Nach so viel Kultur zieht es uns wieder hinaus in die Natur. Der Murramarang National Park liegt direkt am Meer und bietet neben wunderschönem, geradezu verwunschenem Wald viele herrliche Badestrände. Hier bleiben wir ein paar Tage, genießen kleine Wanderungen und das Strandleben. Goannas, Kängurus und Wallabies laufen tagsüber an den Zelten und Campervans vorbei, Weißbauchseeadler segeln auf der Suche nach Futter an der Küste entlang, und abends besuchen uns ziemlich zutrauliche Possums, die interessanterweise im Gegensatz zu denen, die wir im Wilsons Promontory National Park gesehen haben, nicht dunkelbraun bis schwarz, sondern weiß und grau gefärbt sind und lediglich einen schwarzen Schwanz haben. Wahrscheinlich handelt es sich um eine andere Unterart.

Wald im Murramarang National Park, mit Spotted Gums (Corymbia maculata) und Palmfarnen (Macrozamia communis)
Weißbauchseeadler
Goanna, einer der 25 in Australien beheimateten Waran-Arten zugehörig
Possum

Die letzten zwei Nächte vor Sydney verbringen wir dann in der Bendeela Recreation Area in der Nähe des kleinen Ortes Kangaroo Valley. Die Attraktion hier sind aber nicht etwa Kängurus, sondern Wombats. Mehrmals hatte man uns diesen Platz empfohlen, wo angeblich abends 20 bis 30 Wombats zu sehen sind.

Wir kommen gegen 16 Uhr an, beziehen einen schönen Stellplatz auf dem riesigen und kostenlosen Campinggelände, machen einen kleinen Rundgang und bewundern dabei die vielen gut sichtbaren Wombat-Höhlen. Und kaum sind wir zurück bei Leoni, da entdeckt Hildegard auch schon den ersten Wombat. Dann noch einen und noch einen. Dabei ist es längst noch nicht dunkel. Die eigentlich nachtaktiven Wombats sind hier offenbar Frühaufsteher. Was mir bei den sofort beginnenden Foto- und Filmaufnahmen natürlich sehr entgegenkommt. Wir sehen zwar keine 20 bis 30 Wombats, sondern nur ein gutes halbes Dutzend, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass wir uns gar nicht mehr von Leoni wegbewegen. Denn mit den Wombats, die vor, hinter, rechts und links von Leoni laut schmatzend das Gras abweiden, sind wir vollauf beschäftigt. Am Spätnachmittag des folgenden Tages erweitern wir unseren Aktionsradius und finden dann auch tatsächlich deutlich mehr Wombats.

Wombat auf der Campingwiese in der Bendeela Recreation Area
Derselbe Wombat noch einmal
Anderer Wombat

Nach Sonnenuntergang sitzen wir jeweils draußen im Dunkeln und genießen bei einem Glas Wein das uns umgebende Spektakel. Die sich nähernden Wombats hören wir interessanterweise immer zuerst, bevor wir sie sehen. Dann werden sie kurz mit der Taschenlampe angestrahlt und begutachtet, was sie nicht im Geringsten zu irritieren scheint. Sie fressen jedes Mal unverdrossen weiter. Es ist erstaunlich, wie wenig scheu diese knuddeligen Fressmaschinchen sind.

Von der Bendeela Recreation Area nach Sydney sind es nur noch 150 km, für australische Verhältnisse also quasi ein Katzensprung. Bald taucht die Silhouette dieser weltberühmten Stadt vor uns auf. Zuletzt war ich vor 37 Jahren hier. Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen und bin gespannt, was uns erwartet.

Sydney ist erreicht.
Unsere bisherige Route von Fremantle/Perth nach Sydney

 

3 Comments

  1. Andreas Nobis said:

    … da kommen bei uns auch viele Erinnerungen hoch! Tolle Etappe eurer Reise! Schade, dass das Wetter an der Great Ocean Road nicht so gut war. Und Melbourne war für mich vor gut 30 Jahren eine sehr langweilige Stadt. Wir haben dann aber die gleiche Erfahrung gemacht: Die Stadt hat sich in jeder Beziehung positiv entwickelt und ist heute als Reise(zwischen)ziel sehr empfehlenswert. Und jetzt liegt Sydney vor euch. Das nächste Highlight!! Lebendig, viel Kultur, interessante Besichtigungspunkte in Vielzahl. Viel Spaß!!

    15. März 2018
    Reply
  2. Markus said:

    Auch bei mir kommen beim Lesen eure Reise-Artikel und betrachten der Bilder viele schöne Erinnerungen hoch!
    Melbourne habe ich schon 2008 als tolle Stadt erlebt. Diese Stadt war für mich eines der Highlights meines – zugegeben – viel zu kurzen Australientrips. Melbourne hat mich noch einen Tick mehr beeindruckt als Sydney.
    Die Great Ocean Road empfand ich trotz schönem Wetter nicht als so spektakulär, wie es in vielen Reiseführern steht.
    Ich wünsche euch weiterhin eine tolle und erlebnisreiche Reise und viele beeindruckende Erlebnisse und Begegnungen!

    Herzliche Grüße an die Leonberger von einem Leonberger!

    15. März 2018
    Reply
  3. Hart and Marilyn Bezner said:

    Your last two contributions are impressive. We have always been intrigued by Tasmania and you enriched us greatly by your vivid descriptions and pictures. Loved the one of the Tasmanian Devils!

    You seemed to regret that the crossing from Tasmania to Melbourne was uneventful (ereignisarm), but be grateful because „events“ during sea-crossings can be rather „ereignisvoll“. Your pictures of Melbourne are stunningly beautiful. It’s a joy to accompany you and Hildegard on your travels. Your commentaries are richly informative. Keep safe, stay on the left, and continue to have a great time. Both of you look relaxed and healthy.

    Your Canadian Waterloo friends
    Hart and Marilyn

    18. März 2018
    Reply

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