Der Sahara Club, bei dem ich seit fast 40 Jahren Mitglied bin, hatte beschlossen, sein Auslandstreffen 2026 über die Osterfeiertage in Marokko abzuhalten. Ich erfuhr frühzeitig davon und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, Marokko mit Leoni zu bereisen. Abgesehen von einem Tagesausflug von Algeciras nach Tanger im Jahr 1974 ist dies mein erster Besuch im Maghreb. Was eigentlich erstaunlich ist, wo Marokko doch quasi vor unserer Haustür liegt.
Vom südfranzösischen Sète aus geht es mit Camper Leoni auf die Fähre nach Tanger und von dort direkt weiter nach Chefchaouen im Rif-Gebirge – der berühmten „blauen Stadt“. Hier ist praktisch alles blau getüncht, stellenweise extrem steil und äußerst malerisch. Das Smartphone-Navi erweist sich in den engen Gassen, die immer wieder in Sackgassen enden, allerdings als wenig hilfreich. Erst mit Unterstützung zweier einheimischer Jungs finde ich schließlich ein Stadttor, das den Weg zurück zu Leoni freigibt.




Die alte Königsstadt Fès fühlt sich an wie eine Zeitreise ins marokkanische Mittelalter. Das Labyrinth aus über 9.000 Gassen in der autofreien Altstadt überwältigt alle Sinne: der Duft von Gewürzen, das stetige Hämmern der Handwerker und die leuchtenden Farben des traditionsreichen Gerberviertels. Nicht umsonst gilt Fès als das spirituelle und kulturelle Herz des Landes.
Die Stadt birgt beeindruckende Denkmäler. Viele davon lassen sich besichtigen, manche sind jedoch Muslimen vorbehalten – hier bleibt oft nur ein faszinierender Blick durch die geöffneten Tore. Da sich die Sehenswürdigkeiten über das gesamte Gassengewirr verteilen, sind sie oft gar nicht so leicht zu finden.





Bei meiner Ankunft am Ort des Auslandstreffens auf einem Campingplatz in der saftig grünen Umgebung der alten Königsstadt Mèknes sind schon viele andere Mitglieder des Sahara Clubs mit ihren Fahrzeugen versammelt. Von Freitag bis Montagmorgen werden wir für drei Nächte zusammenbleiben.


Am Samstagmorgen startet eine Gruppe von 15 Club-Mitgliedern mit einem Kleinbus zur Besichtigung von Mèknes. Dies ist die kleinere, ruhigere, aber keineswegs weniger imposante Schwester der anderen Königsstädte. Geprägt von der Vision des mächtigen Sultans Moulay Ismail, der zur Zeit des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV gelebt hat, beeindruckt die Stadt bis heute durch monumentale Festungsmauern, gewaltige Pferdeställe und das prachtvolle Stadttor Bab Mansour – ein Ort voller historischer Eleganz.




Bis nach Volubilis, der antiken Hauptstadt der römischen Provinz Mauretania Tingitana, sind es nur 15 km. Mit Leoni mache ich vom Campingplatz aus einen kurzen Abstecher dorthin. Die weitläufige, aber gut überschaubare Ausgrabungsstätte liegt wunderschön eingebettet in eine grüne Landschaft. Auffallend viele gut erhaltene Mosaike gibt es zu bewundern.


Nach dem Abschied vom Club-Treffen fahre ich zügig in Richtung Süden. Bei der Überquerung des Mittleren Atlas entdecke ich im Wald eine ganze Horde Berberaffen. Ein haltender Touristenbus ist dafür verantwortlich, dass ich die Affen überhaupt entdecke. Die Tiere werden gebührend bestaunt und fotografiert.


Vor Midelt steuere ich direkt auf den schneebedeckten Hohen Atlas zu, der nun überquert werden muss. Und kurz hinter der Stadt bekomme ich dann Kontakt mit der Polizei: Ich bin geblitzt worden, ohne es zu merken. Der Beamte zeigt mir ein verwackeltes Foto, auf dem Leoni und ich jedoch eindeutig zu erkennen sind. 71 statt der erlaubten 60 km/h stehen zu Buche. Das Ausfüllen des umfangreichen Formulars bereitet den Polizisten sichtlich Mühe und nimmt viel Zeit in Anspruch. Mit 150 Dirham (ca. 15 Euro) bin ich dabei – ein überschaubarer Betrag und ein vergleichbar schlechter Stundenlohn für die Beamten.
Durch die imposante Ziz-Schlucht geht es auf der Rückseite des Hohen Atlas hinunter in die Ebene. Von einem stark frequentierten Aussichtspunkt aus bieten sich fantastische Blicke hinab in das riesige, palmenbestandene Tal – ein einmaliger Ort. Ich wandere am Canyonrand entlang und schieße ein Foto nach dem anderen.


Auf der Weiterfahrt blühen Cistanchen am Straßenrand, die ersten Kamele tauchen auf, und schließlich erreiche ich den Erg Chebbi – das wohl spektakulärste und fotogenste Dünenmeer Marokkos. Die gigantischen, bis zu 150 Meter hohen Sandberge von Merzouga bieten Wüstenromantik pur. Da das Gebiet touristisch bestens erschlossen ist, zieht es entsprechend viele Besucher an. Für marokkanische Verhältnisse ist der Erg Chebbi riesig, im Vergleich zu den gigantischen Ergs im benachbarten Algerien wirkt er jedoch ziemlich überschaubar.



Das imposante Dünenmeer …

Die Entfernung vom Erg Chebbi zur berühmten Straße der Kasbahs beträgt nur knapp 200 km. In Tinghir angekommen stehe ich dann ganz unvermittelt und staunend an einem Aussichtspunkt. Vor, unter und neben mir erstreckt sich ein schier endloses Meer aus Lehmsiedlungen. Kasbahs, so weit das Auge reicht – schlicht überwältigend!


Von Tinghir aus ist es zur Todra-Schlucht nur ein Katzensprung. Nun rund vier Kilometer vor der eigentlichen Gorge liegt mit dem Camping Atlas ein außergewöhnlich schöner Campingplatz. Während die Gorge selbst von Touristen völlig überlaufen ist, zeigt sich die Schlucht weiter oberhalb von ihrer ruhigen, völlig menschenleeren Seite.



Zurück am Fuß des Gebirges fahre ich nach Boumalne am Eingang zur Dadès-Schlucht. Hoch oben im Hohen Atlas schimmert reichlich Schnee. Die Dadès-Schlucht ist deutlich breiter als die Todra-Schlucht und wirkt völlig anders. Die spektakulären Ausblicke lassen jedoch zunächst auf sich warten. Doch dann folgen die engen Serpentinen steil bergauf – besonders der Blick zurück ist gewaltig! Erst hinter den Kehren verengt sich die Dadès-Schlucht dann zur sehr imposanten eigentlichen Gorge.




Die Kasbah Amridil in Skoura ist ein echtes Schmuckstück – hervorragend restauriert und für Besucher zugänglich. Als ich am Morgen nach der Besichtigung von meinem nahen Übernachtungsplatz aufbreche, führt mich das Navi auf einer mir nicht vertrauten Route zurück zur Kasbah. Irgendwann geht nichts mehr: Eine enge 90-Grad-Rechtskurve ist schlicht nicht zu schaffen. Links und vorne ragen hohe Lehmmauern auf, rechts verläuft ein tiefer, gewundener Bewässerungsgraben. Mir bleibt nichts anderes übrig, als etwa 100 Meter zurückzusetzen – eine brenzlige Angelegenheit. Mit Allrad und kleinster Untersetzung rangiere ich Zentimeter für Zentimeter. Ich steige mehrfach aus, um die Passage zu peilen. Einmal stehen gefühlt nur noch drei Räder auf dem Boden, und der Außenspiegel klappt komplett ein. Doch irgendwann ist es geschafft.



Über Ouarzazate erreiche ich den etwas abseits gelegenen Ort N’Kob mit seinen angeblich 45 Kasbahs. N’Kob gefällt mir sehr gut. Die unterhalb gelegene Palmeraie ist relativ licht bewachsen, sodass man leicht den Überblick behält und sich nicht verlaufen kann.


Auf dem Rückweg hält mich kurz vor Ouarzazate erneut die Polizei an: 69 km/h statt der erlaubten 60 km/h. Das kostet wiederum 150 Dirham. Ich kenne die Prozedur inzwischen und buche das Strafgeld innerlich einfach als Straßenbenutzungsgebühr ab – schließlich habe ich in Frankreich allein für die Strecke von der deutschen Grenze bis Sète mit gut 150 Euro deutlich mehr Maut gezahlt. Da ist Marokko mit bisher zweimal 15 Euro doch geradezu günstig!
In Aït-Ben-Haddou besichtige ich den malerisch auf einem Hügel gelegenen Ksar erst am nicht mehr ganz so heißen späteren Nachmittag. Das historische Aït-Ben-Haddou ist kaum noch bewohnt und präsentiert sich als Ansammlung von Souvenirläden und Cafés. Der Aufstieg ist anstrengend, aber die eindrucksvolle Lehmarchitektur und der Panoramablick belohnen für jede Mühe.


Durch eine fantastische Berglandschaft geht es hinauf in den Hohen Atlas. Mein erster Halt ist in Telouet. Hier befand sich der Stammsitz der mächtigen Glaoui-Familie, die einst den Pascha von Marrakesch stellte. Der letzte Herrscher dieser Reihe kollaborierte mit den Franzosen – quasi zur Strafe ließ man die Kasbah nach der Unabhängigkeit 1956 verfallen und plündern.
Den Rest gab dem Bauwerk das schwere Erdbeben vom September 2023. Diese furchtbare Naturkatastrophe hatte ich ehrlich gesagt gar nicht mehr auf dem Bildschirm: Mehr als 3.000 Menschen verloren damals quasi vor unserer Haustür ihr Leben – und schon ist das Ereignis im Alltag wieder weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies zeigt eindringlich, wie schnelllebig unsere Zeit geworden ist.
Von außen gleicht die Kasbah einem riesigen Trümmerfeld, doch im Inneren ist überraschenderweise manches hervorragend erhalten. Eine erstaunliche Pracht umgibt mich, geprägt von herrlichen, mosaikgeschmückten Wänden.






Marrakesch zieht einen sofort in seinen Bann. Zwischen den roten Festungsmauern trifft die Hektik des berühmten Platzes Djemaa el-Fna auf die friedliche Ruhe versteckter Riad-Innenhöfe. Die Stadt bietet ein faszinierendes Zusammenspiel aus afrikanischer Dynamik und orientalischem Traum.
Ich stehe mehrere Tage auf einem sehr zentral und genial hinter der Koutubia-Moschee gelegenen Stellplatz, nur einen knappen Kilometer vom berühmten Platz Djemaa el-Fna, dem Platz der Geköpften, entfernt. Eins der ersten von mir besuchten Highlights von Marrakesch ist die Medersa Ben Youssef – die vielleicht schönsten Koranschule Marokkos. Ein schlicht atemberaubendes Bauwerk!
Das Bab Agnaou, das wohl schönste Stadttor von Marrakesch, geht auf den Almohaden-Kalifen Abu Yusuf Yaqub al-Mansur zurück, der 1195 in der Schlacht von Alarcos den kastilischen König Alfons VIII. schlug und mit der Beute Marrakesch zur Prachtmetropole ausbaute. Unmittelbar dahinter liegen die Kasbah-Moschee mit ihrem wunderschönen Minarett sowie die berühmten Saadier-Gräber aus dem 16. Jahrhundert. Diese waren jahrhundertelang zugemauert und gerieten in Vergessenheit, ehe sie 1917 wiederentdeckt wurden. Nach langem Anstehen in einer gewaltigen Warteschlange kann ich schließlich einen Blick in den prachtvollen Hauptraum des Mausoleums werfen.





Die Hafenstadt Essaouira an der Atlantikküste ist schwierig anzufahren, denn überall stehen Schilder mit Wohnmobil-Durchfahrtsverbot. Ich parke etwas außerhalb und fahre mit dem Taxi in die Stadt. Diese besitzt eine für Marokko sehr ungewöhnliche Architektur mit rechtwinkligen Straßenfluchten – entworfen im 18. Jahrhundert im Auftrag des Sultans von einem französischen Architekten.
Im malerischen Hafen direkt vor der Stadtmauer dreht sich alles um den Sardinenfang. Die Fische werden angelandet und direkt auf Eis verpackt, während unzählige Möwen geschickt versuchen, ihren Teil der Beute zu ergattern. Und etwas südlich der Stadt am breiten, weißen Sandstrand warten gesattelte Pferde und Kamele auf Kundschaft.





Die letzte der vier marokkanischen Königsstädte, die ich besuche, ist Rabat. Als aktuelle Hauptstadt verbindet Rabat königliche Historie mit moderner, entspannter Atmosphäre. Neben breiten Boulevards prägen der unvollendete Hassan-Turm und die blau-weiße Kasbah des Oudayas das Stadtbild.
Kurz vor dem Ziel erlebe ich eine unliebsame Überraschung: Ein Schild weist ein Durchfahrtsverbot für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen aus. Ich ignoriere die Beschränkung souverän – wer sieht Leoni schon an, dass sie auf 4,0 Tonnen aufgelastet ist? Das Kalkül geht auf, alle Polizisten an der Strecke winken mich freundlich durch.
Ich betrete die Kasbah des Oudayas durch das prachtvolle Tor Bab al-Kebir und genieße von der Aussichtsplattform den weiten Blick über Flussmündung und Ozean. Flussaufwärts wandere ich dann zum unvollendeten Hassan-Turm aus dem 12. Jahrhundert und dem Mausoleum von Mohammed V, der Marokko in die Unabhängigkeit geführt hat. Der 44 Meter hohe alte Sandsteinturm bildet einen faszinierenden Kontrast zum schneeweißen Marmor-Mausoleum mit seinem grünen Ziegeldach. In Sichtweite ragt der neue Tour Mohammed VI empor – mit 250 Metern das höchste Bauwerk Afrikas.








Von Rabat aus fahre ich zügig zurück nach Hause, über den Hafen von Tanger und die Fähre nach Sète, auf dem gleichen Weg, auf dem ich gekommen bin. Nach gut vier Wochen und 4.336 gefahrenen Kilometern bin ich zurück. Marokko hat mir sehr gut gefallen, und ich frage mich ernsthaft, warum ich so lange gebraucht habe, um endlich mal hinzufahren.


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