Coober Pedy und Oodnadatta Track

Hildegard ist über Weihnachten von Adelaide aus nach Hause geflogen, um dort mit Kindern und Kindeskindern die Festtage zu verbringen. Wir haben uns so geeinigt, dass ich derweil in Australien bleibe und sie im Januar auf Tasmanien am Flughafen von Hobart abhole.

In der Zwischenzeit bin ich also als Strohwitwer unterwegs und habe mir vorgenommen, ein Stück weit ins Innere Australiens vorzustoßen. Dafür ist jetzt im Südsommer wegen der großen Hitze zwar eigentlich die falsche Jahreszeit, aber ansonsten ist die Gelegenheit sehr günstig. Adelaide liegt am Südende des Stuart Highways, der über 3.020 km quer durch den Kontinent und mitten durch das Zentrum nach Darwin führt. Benannt ist diese außergewöhnliche Straße nach dem schottischen Explorer John McDouall Stuart, der nach mehreren erfolglosen Versuchen 1862 einen geeigneten Weg von Adelaide zur Nordküste fand. Dieser wurde unmittelbar danach für den Bau der Overland Telegraph Line, die Australien mit dem Rest der Welt verbinden sollte, und etwas später auch für die Great Northern Railway genutzt. Der Volksmund benannte die Schmalspur-Eisenbahnstrecke später in „The Ghan“ um, nach den „afghanischen“ Kameltreibern, die aber eigentlich alle aus Britisch-Indien stammten und mit ihren Kamelen lange die Transportwege im Innern Australiens beherrschten.

Direkt am Stuart Highway liegt die Opal-Stadt Coober Pedy, die ich gerne besuchen möchte. 1981 war ich schon einmal da, aber nur für einen kurzen Stopp mit dem Greyhound Bus auf dem Weg von Alice Springs nach Adelaide. Der Aufenthalt dauerte damals vielleicht eine Dreiviertelstunde und war auch noch mitten in der Nacht, so dass ich so gut wie gar nichts von diesem außergewöhnlichen Ort gesehen habe. Was mich jahrzehntelang geärgert hat.

Auf dem Stuart Highway bei Port Augusta

Doch mein zunächst anvisiertes Ziel auf dem Weg nach Norden ist Woomera. Ab 1947 wurde hier gemeinsam von Großbritannien und Australien unter strengster Geheimhaltung Raketentechnik entwickelt und getestet. Zunächst ging es dabei ausschließlich um Militärtechnik, erst mit einiger Verzögerung kamen dann auch wissenschaftliche Aufgaben hinzu. Auch die USA, Japan und Europa waren in späteren Jahren an verschiedenen Projekten beteiligt. Bis 1982 war Woomera hermetisch abgeriegelt und für Besucher gesperrt.

Heute ist der Ort Woomera für Besucher zugänglich, die riesige Woomera Prohibited Area, die sich weit nach Nord- Westen erstreckt, jedoch weiterhin nicht. Mir kommt Woomera bei meiner Ankunft wie eine Geisterstadt vor. Alles wirkt wie ausgestorben. Absolut niemand ist auf der Straße zu sehen, wozu die Temperatur von 37 Grad jetzt zur Mittagszeit nach meiner Einschätzung wesentlich beiträgt. Zu der Zeit ahne ich noch nicht, dass ich 37 Grad in ein paar Tagen für erstrebenswert kühl und erfrischend halten werde.

In Woomera

Im Museum und den öffentlich zugänglichen Außenanlagen wird die Geschichte von Woomera erklärt und anschaulich gemacht. Die verschiedensten Raketentypen sind beschrieben und ausgestellt. Sogar Trümmer von Raketen bzw. Raketenstufen, die irgendwo in den Weiten Australiens niedergegangen sind, hat man in einigen Fällen ausgegraben und zurück nach Woomera gebracht. Zum zweiten Mal nach Balladonia kann ich mir in Australien also echten Weltraumschrott ansehen. Insgesamt ist Woomera ganz interessant und den kurzen Abstecher vom Stuart Highway durchaus wert.

Emu-Vater mit Nachwuchs
Malerischer Übernachtungsplatz an Rest Area
Tourismus verändert Straßenschilder
Der Stuart Highway führt mitten durch die Woomera Prohibited Area.

Je einmal vor und einmal hinter Woomera übernachte ich auf einer ausgewiesenen Rest Area direkt am Stuart Highway. Diese Rest Areas verfügen in South Australia ausnahmslos alle über Sonnenschutz, Picknicktische und -bänke sowie Mülleimer, aber nur ganz wenige von ihnen haben auch Toiletten. Das steht völlig im Gegensatz zu Western Australia, wo praktisch jede Rest Area über ein Toilettenhäuschen verfügt. Die Auswirkungen dieses südaustralischen Defizits sind sehr offensichtlich und wenig appetitlich. Überall liegt Toilettenpapier herum. Und zwar gebrauchtes Toilettenpapier. So sad.

Welcome to Coober Pedy

In Coober Pedy angekommen frage ich im Visitor Centre nach, welcher der vielen Caravan Parks über einen Pool verfügt. Und zwar einen mit Wasser. Das reduziert die Auswahl auf genau einen, den Oasis Tourist Park. Der kreisrunde Pool ist klein, von einem Häuschen umgeben, und hat stark gechlortes, dafür aber himmlisch kaltes Wasser. Das in den nächsten Tagen regelmäßig nachmittags genommene Bad ist herrlich erfrischend. Der Pool ist unschlagbar, genau wie der Übernachtungspreis von gerade mal 13,50 AUD, was etwa 9 Euro entspricht.

Working Mine in Coober Pedy
Weitere Mine
Zur Noodling Machine umgebauter Omnibus. Mit „to noodle“ wird das Durchsuchen des Abraums nach Opalen bezeichnet.

Im Februar 1915 wurden in Coober Pedy Opale entdeckt, und heute ist Coober Pedy die Opal-Hauptstadt der Welt. Der Name der Stadt ist aus der Sprache der lokalen Aborigines abgeleitet. Kupa Pity bedeutet so viel wie „Weißer Mann im Loch“, was die Situation damals wie heute perfekt beschreibt. Während des Ersten Weltkrieges war die Zahl der Opalsucher in Coober Pedy noch stark begrenzt, denn ein Großteil der australischen Männer war auf den Schlachtfeldern in Europa unterwegs. Das änderte sich bei Kriegsende schlagartig. Hunderte kamen nach Coober Pedy und träumten vom großen Fund. Die Kriegsheimkehrer brachten aus den Schützengräben in Flandern und Frankreich die Erfahrung mit, dass man in Bunkern unter der Erde ganz gut leben bzw. überleben kann. Diese Erkenntnis ließ sich übertragen. Die Bewohner von Coober Pedy begannen, ihre Häuser in die Erde hinein zu bauen. Das tun sie bis auf den heutigen Tag. Ein großer Teil der Bevölkerung von Coober Pedy, geschätzt etwas mehr als die Hälfte, lebt aktuell unterirdisch.

Die frühen Minen dienten gleichzeitig auch als Unterkünfte. Hier in der stillgelegten Umoona Mine.
Die Schächte und Stollen wurden ursprünglich in Handarbeit herausgeschlagen.
In neuerer Zeit kommen Tunnelbohrmaschinen zum Einsatz.

Normalerweise werden Wohnungen übrigens nicht nach unten gebaut, sondern waagrecht in eine Felswand hinein. In den resultierenden Fels-Wohnungen herrscht sommers wie winters eine angenehme Temperatur von 23 bis 25 Grad. Ich nutze die Chance, ein paar Wohnungen anzusehen und bin überrascht. Sie haben allen Komfort, sind sehr gemütlich eingerichtet, brauchen allerdings immer elektrisches Licht. Wenn ein weiteres Zimmer benötigt wird, ist das kein Problem. Man gräbt einfach ein Stück weiter. Früher soll es bei solchen Erweiterungen vorgekommen sein, dass man urplötzlich in der Nachbar-Wohnung stand. Dies wird heute durch einen geforderten Mindestabstand von vier Metern zum Nachbarn offenbar erfolgreich verhindert.

Auch Touristenunterkünfte sind häufig unterirdisch angelegt.
Eine moderne unterirdische Wohnung mit allem Komfort
Die unterirdische katholische Kirche
Die unterirdische serbisch-orthodoxe Kirche

Auch eine ganze Reihe Kirchen wurde unterirdisch angelegt. Ich habe Gelegenheit, die katholische, die serbisch-orthodoxe und die anglikanische Kirche zu besichtigen. Es gibt aber noch eine ganze Reihe weitere. Denn die Einwohnerschaft von Coober Pedy ist sehr international. Über 40 Nationalitäten sind hier ansässig. Und es scheint so, dass jede ihre eigene Kirche braucht.

Was den Menschen in Coober Pedy Sorgen macht, ist die Tatsache, dass zurzeit nur noch 65 bis 70 Männer als Opalsucher arbeiten. Der Nachwuchs fehlt, da die Arbeit vielen Jüngeren als zu hart und entbehrungsreich erscheint. Hinzu kommt, dass praktisch alle Minen von einzelnen Individuen, von Familien oder ein paar Freunden gemeinsam betrieben werden. Es gibt keine großen Investoren. Das Opal-Minengeschäft ist dafür offenbar zu unsicher. Denn es fehlt die Erfolgsgarantie. Die Opale sind zwar da. Aber wo genau, weiß niemand. Man kann in Coober Pedy jahrelang buddeln, ohne etwas Nennenswertes zu finden. Das Minengebiet ist etwa 5.000 qkm groß, und jeder kann gegen eine Gebühr einen Claim von 50 m x 50 m oder 50 m x 100 m für sich beanspruchen. Eine Renaturierung des rund um Coober Pedy herum völlig verwüsteten Geländes wird erstaunlicherweise nicht verlangt. Und Steuern auf die gefundenen Opale fallen ebenfalls nicht an. Denn ein Miner wird einen großen Fund niemals bekannt geben. Oft wird gefundenes Opal von ihnen auch nicht unmittelbar verkauft, sondern lieber zu Hause gehortet. Denn der Opal-Preis steigt seit Jahren. Und wenn die Zahl der aktiven Miner weiter zurückgeht, wird sich das in Zukunft kaum ändern.

Auch einen Golfplatz gibt es in Coober Pedy. Das mit dem Gras ist allerdings eher ein Gerücht.
So „malerisch“ sieht es überall rund um Coober Pedy aus. Das bleibt auch so, denn renaturiert wird nicht.

Insgesamt kommt mir mein Weihnachtsaufenthalt in Coober Pedy nur wenig weihnachtlich vor. Dafür sorgt schon allein die Hitze. Am 1. Weihnachtstag nehme ich morgens an einem nur schwach besuchten Gottesdienst teil und mache dann mit Leoni einen Ausflug zu den Breakaways, einer spektakulären Gegend etwa 30 km nördlich von Coober Pedy.

Die Breakaways etwa 30 km nördlich von Coober Pedy
Diese interessant gefärbten Felsen waren für die Aborigines je ein liegender brauner und ein weißer Hund.

Auf dem Rückweg fahre ich am berühmten Dog Fence entlang. Dieser erstreckt sich über mehr als 5.300 km von Queensland über New South Wales bis zur Großen Australischen Bucht in South Australia. Er soll die Dingos im Norden von den Schafen im Süden fern halten. Die beiden Tierarten passen nicht zusammen. Im Norden werden praktisch ausschließlich Rinder gehalten, denen die Dingos nichts anhaben können, im Süden dagegen auch Schafe. In Australien herrscht die feste Überzeugung: „No dog fence – no sheep industry.“ Der Zustand des Dog Fences wird folglich scharf überwacht, und vor allem die Grids (Gitter) an den für Straßen und Wege notwendig gewordenen Durchbrüchen des Zauns sind sehr aufwändig gestaltet. Nur für Kühe und Schafe, also die Nutztiere, könnten sie wesentlich weniger breit und damit weniger unüberwindbar ausgeführt sein. Um Dingos zurückzuhalten, muss man jedoch schon etwas mehr tun.

Der mehr als 5.300 km lange Dog Fence
Die Grids an den Straßendurchbrüchen des Zauns sind sehr aufwändig gestaltet, um die Dingos zurückzuhalten.
Der Verlauf des Dog Fences

Als ich zum Oasis Tourist Park in Coober Pedy zurückkomme, ist dort ein von George, dem Besitzer, organisiertes Barbecue in vollem Gange. Es gibt Fleisch, Salat, Brot und Wein in rauen Mengen. Und zum Nachtisch das australische National-Dessert, eine phantastische Pawlowa. Selbstverständlich bin ich herzlich eingeladen. Und so komme ich doch noch zu einer richtigen Weihnachtsfeier, wenn auch einer, zumindest für Mitteleuropäer, ziemlich ungewöhnlichen.

Die Pawlowa wird verteilt.

Am 2. Weihnachtstag will ich den Oodnadatta Track angehen. Dies ist eine der berühmtesten australischen Outback-Routen, die auf 645 km Piste dem Weg der Telegrafenlinie und auch dem ursprünglichen Weg der Eisenbahn folgt, von Marla im Norden über Oodnadatta und William Creek nach Marree im Süden. Die Eisenbahnstrecke südlich von Marla wurde allerdings Anfang der 80er Jahre wegen ständiger Streckenunterbrechungen durch Überschwemmungen ein ganzes Stück nach Westen verlegt. Am 31. Dezember 1980 fuhr zum letzten Mal ein Zug von Marree nach Oodnadatta. Die Gleise wurden abgebaut und anderswo wiederverwendet, die Infrastruktur verfiel. Aber es bleiben noch viele interessante Relikte aus früherer Zeit übrig.

So fahre ich also zunächst einmal auf dem Stuart Highway nach Marla. Unterwegs sitzen ca. 30 weiße Kakadus mitten auf der Straße. Als ich langsam heranfahre, fliegen sie nur sehr widerwillig weg. Ich sehe bald warum. Einer der Kakadus ist offenbar mit einem Auto kollidiert und sitzt jetzt aufrecht mit offenbar gebrochenem Flügel da. Die anderen wollen sich augenscheinlich um ihn kümmern, denn hinter mir landet der ganze Schwarm sofort wieder bei dem verletzten Kollegen. Eine sehr anrührende Szene. So etwas habe ich noch nie gesehen.

In Marla frage ich an der Tankstelle einen anwesenden Polizisten nach dem Straßenzustand auf dem Oodnadatta Track. Er meint: Kein Problem, zeitweise etwas Wellblech, in Kurven soll ich aufpassen. Frohgemut fahre ich also zum weniger als 1 km entfernten Einstieg in den Oodnadatta Track. Und dort verkündet eine große Informationstafel „Oodnadatta Track: Marla to Oodnadatta closed“, also gesperrt. Für widerrechtliches Befahren werden hohe Strafen angedroht. Gelinde gesagt bin ich etwas irritiert. Wie heißt noch einmal der Spruch, der in South Australia überall plakatiert wird? Expect the Unexpected – Erwarte das Unerwartete.

Unverhofft kommt oft. Expect the Unexpected. Oodnadatta Track von Marla nach Oodnadatta gesperrt.

Ich fahre zurück und suche den Polizei-Posten von Marla auf. Der diensthabende Beamte, der nach längerer Zeit die Tür öffnet, hat folgende Botschaft für mich: Wenn da closed steht, heißt das closed. Ob für einen Tag, eine Woche oder einen Monat, das weiß er nicht. Die jeweiligen Anzeigen werden computergesteuert geschaltet. Er weiß nicht die Hintergründe, seine Dienststelle wird diesbezüglich auch nicht „notified“, sprich in Kenntnis gesetzt. Auf Wiedersehen. Ungefähr so. Eine wirklich außerordentlich hilfreiche Auskunft, wie ich finde. So, wie man sich das wünscht. Die Polizei, Dein Freund und Helfer. Es ist keinerlei Bemühen zu verspüren, zu unterstützen oder die Situation aufzuklären.

Ich beschließe, auf dem Stuart Highway die ca. 90 km bis zum Cadney Roadhouse zurückzufahren und von dort zu versuchen, über die Arckaringa Station nach Oodnadatta zu kommen. Im Roadhouse treffe ich eine ältere Dame, die sich furchtbar über die angeblich geschlossene Piste von Marla nach Oodnadatta aufregt. Die Strecke wäre natürlich offen, die Anzeige falsch, aber niemand kümmere sich darum, etc. Morgen würde sie in Marla der Polizei „Bescheid sagen“. Die von mir jetzt geplante Strecke nach Arckaringa sei gut, die Piste erst kürzlich „gegraded“, sie wäre vorgestern noch darüber gefahren. „Trust me – vertrau mir“, fügt sie noch hinzu.

Ca. 90 km weiter südlich und anderthalb Stunden später: Laut dieser Anzeige ist der Oodnadatta Track zwischen Oodnadatta und Marla „open“, also freigegeben. Erstaunlich das Ganze.

Ich fahre also los. Die große Standard-Informationstafel mit dem Straßenzustand, die auch am Einstieg in die Piste nach Arckaringa steht, enthält unter anderem auch die Strecke von Marla nach Oodnadatta: „Open“ -offen! Na toll. Bis Arckaringa, wo ich übernachten will, sind es ca. 80 km. Und die Piste ist wie von der Dame im Roadhouse angekündigt wirklich ganz ok. Zumindest die ersten 45 km. Danach wird es deutlich schlechter. Ich fahre mal links, mal rechts, wie es gerade passt und ziehe eine riesige Staubwolke hinter mir her. Diese sehe ich im Rückspiegel, dort sonst aber eher wenig bis nichts. Plötzlich dann die Überraschung. Als ich gerade einmal zufällig links bin, werde ich ordnungsgemäß rechts überholt. Es ist das einzige Auto, das ich auf den 80 km bis Arckaringa sehe. Zugegebenermaßen etwas spät, nämlich erst, als es bereits neben mir fährt. Gut gegangen.

Bei Annäherung an die Arckaringa Homestead steigt die Temperatur auf satte 49 Grad.
Arckaringa Homestead

Die Temperatur bewegt sich an diesem Nachmittag meist zwischen 42 und 44 Grad, doch kurz vor der Arckaringa Homestead steigt der Wert auf unglaubliche 49 Grad. Bis auf zwei kleine schwanzwedelnde Hunde ist auf der Station erstaunlicherweise niemand zu Hause. Ich stecke wie von einem Schild verlangt 20 AUD Campinggebühren in eine Dose mit Schlitz und suche mir einen Stellplatz mit ein bisschen Schatten. Als ich gegen 22 Uhr zu Bett gehe, zeigt das Thermometer in der Kabine 36,4 Grad. Bis um 7 Uhr am nächsten Morgen ist der Wert nur auf 30,8 Grad gefallen. Es ist die bisher heißeste Nacht der Reise. Entspannt schlafen ist unter solchen Bedingungen schwierig.

Der mir aufgezwungene Weg nach Oodnadatta über Arckaringa hat immerhin den Vorteil, dass er mitten durch die Painted Desert führt. Hier gäbe es die Möglichkeit, ausgiebig die malerisch bunten Arckaringa Hills zu durchwandern. Ich belasse es jedoch bei einem kurzen Spaziergang. Es ist einfach zu heiß für größere Fußmärsche. Die Landschaft neben der Piste ändert sich auf dem weiteren Weg ständig. Gerade bin ich noch in der attraktiven Painted Desert, dann geht es durch endlose Öde, und kurz vor Oodnadatta stehe ich in einer Senke plötzlich an einem großen permanenten Wasserloch, das zum Verlauf des ansonsten fast ausgetrockneten Neales Rivers gehört und Hookeys genannt wird.

Auf kürzester Strecke völlig unterschiedliche Landschaften: Die Arckaringa Hills in der Painted Desert, …
… dann fast vegetationslose öde Ebene …
… und üppige Wasserlandschaft

Schon um die Mittagszeit bin ich am Pink Roadhouse in Oodnadatta, an einem der abgelegendsten Orte Australiens. 1891 erreichte die Great Northern Railway von Süden kommend diesen erst ein Jahr vorher gegründeten Ort, der anschließend einige Jahrzehnte lang der Endpunkt der Strecke war und folglich als Verkehrsknotenpunkt und Verteilzentrum große Bedeutung erlangte. Von hier aus starteten Kamelkarawanen in alle möglichen Richtungen und transportierten die von der Bahn angelieferten Güter weiter. 1929 erreichte die Eisenbahn dann Alice Springs, und viel von der bisherigen Bedeutung Oodnadattas ging verloren. Ganz vorbei mit dem Ort schien es dann Ende 1980 zu sein, als der letzte Zug den Bahnhof von Oodnadatta verließ, weil die Route des „Ghan“ wie erwähnt ein ganzes Stück nach Westen verlegt wurde.

Doch Oodnadatta schaffte es zu überleben. Dazu hat nicht unwesentlich der Tourismus beigetragen. Und mit dem zur Institution gewordenen Pink Roadhouse gibt es eine Anlaufstelle, die den Reisenden mit allem Notwendigen versorgt. Es ist erstaunlich, wie umfangreich das Angebot in diesem weltabgeschiedenen, gottverlassenen Ort ist.

Das Pink Roadhouse in Oodnadatta
Der alte Bahnhof in Oodnadatta. Die Gleise sind fast komplett verschwunden.

Der alte Bahnhof ist erhalten, und man findet sogar noch ein paar wenige Schienen. Die Besichtigung der insgesamt sehr überschaubaren Sehenswürdigkeiten von Oodnadatta nimmt allerdings vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch und ist schnell erledigt. Außer mir gibt es genau einen weiteren Touristen, der im Ort übernachtet und die ungemütlich hohen Temperaturen hier in Kauf nimmt. Auch ein alter Aborigine, den ich treffe, stöhnt über die Hitze.

Am Abend ist es stark bewölkt, aber kein Lüftchen bewegt sich. Als ich zu Bett gehe, beträgt die Temperatur in der Kabine 40,5 Grad, es sind also noch ein paar Grad mehr als gestern. Wenn man Metallteile anfasst, hat man das Gefühl, sich zu verbrennen. Kurz vor Mitternacht bricht dann ein heftiger Sturm los, der fast die ganze restliche Nacht andauert. Doch er bringt keine Erfrischung. Es ist ein heißer Sturm. Erst um 6.30 Uhr ist es wieder völlig windstill, und das Thermometer in der Kabine zeigt 31,2 Grad. Es war erneut die heißeste Nacht der Reise. Die Rekorde hören nicht auf.

Der Pistenzustand auf dem Oodnadatta Track ist im Wesentlichen recht gut. Allerdings gibt es immer wieder rauere Abschnitte mit Wellblech oder auch größeren Löchern. Die vergleichsweise häufigen Floodways sind durchweg trocken, was allerdings nicht unbedingt so bleiben muss. Kurz vor meiner Abfahrt in Oodnadatta hatte es dort ein paar Tropfen geregnet. Und wenn es im Outback einmal regnet, was vor allem im Sommer vorkommt, also gerade jetzt, dann meistens sehr ausgiebig. Da kann es gut sein, dass man ein paar Tage von den Wassermassen eingeschlossen ist und nicht weiter kommt. Genügend Vorräte, vor allem Trinkwasser, sollte man also immer an Bord haben. Mehrfach in den nächsten Tagen tröpfelt es morgens und abends ein bisschen, der von den Farmern ersehnte und von mir befürchtete ausgiebige Niederschlag bleibt allerdings aus.

Die Route des „Old Ghan“ verläuft meistens in Sichtweite rechts oder links parallel zur Piste. Nur sehr wenig Vorzeigbares ist allerdings davon übrig geblieben. Die Gleise sind fast überall entfernt, die Holzschwellen häufig herausgerissen und auf dem Bahndamm verteilt. Nur die meisten Brücken stehen noch. Auf einige klettere ich herauf, unter anderem auf die Algebuckina Bridge, die mit 578 m zur Zeit ihrer Errichtung die längste Brücke South Australias war.

Erhalten gebliebene kleinere Eisenbahnbrücke des „Old Ghan“
Die Algebuckina Bridge überspannt mit 578 m Länge den wasserführenden Neales River.

Ärgerlicherweise dreht sich der rechte Außenspiegel durch die ständigen Erschütterungen auf der Fahrt immer wieder nach innen, so dass ich öfters anhalten muss, um die Spiegelposition zu korrigieren. Nicht nur hier fehlt mir sehr schmerzlich meine liebe Frau und Beifahrerin Hildegard, die solche Arbeiten immer souverän während der Fahrt in Ordnung zu bringen pflegte.

William Creek gilt als die kleinste Stadt South Australias. Je nach Quelle liegt die Einwohnerzahl bei 7 bis 16. Ganz überschaubar also insgesamt. Eigentlich besteht der winzige Ort nur aus dem berühmten William Creek Hotel mit dem angeschlossenen und erstaunlich gut ausgestatteten Caravan Park sowie dem kleinen Flughafen mit einer eigenen Fluggesellschaft, die Sightseeing-Flüge zum nahen Lake Eyre durchführt.

Das William Creek Hotel
Der Pub des William Creek Hotels

Der Eisenbahn-Haltepunkt Beresford Siding mit seinem gut gefüllten Stausee und vielen Wasservögeln wird von Eingeweihten als schönster wilder Übernachtungsplatz am Oodnadatta Track benannt. Ich entscheide mich jedoch, lieber nach Coward Springs mit seinem originellen Badetrog weiterzufahren. Wasser mit konstant 29 Grad sprudelt hier aus einem künstlichen Bohrloch. Die namensgebenden Quellen, also die eigentlichen Coward Springs, liegen angeblich rund 1 km entfernt. Ich weiß aber nicht genau wo, habe auch keine Lust, sie zu suchen, und begnüge mich mit einem erstaunlich erfrischenden Bad in genanntem Trog. Die Lufttemperatur ist seit Oodnadatta inzwischen um einige Grad gefallen, liegt aber tagsüber immer noch deutlich über der Temperatur im Trog, so dass ein gewisser Abkühlungseffekt vorhanden ist.

Auf dem Oodnadatta Track
Beresford Siding
Im Badetrog von Coward Springs

Am nächsten Morgen werde ich für die verpassten „echten“ Coward Springs mehr als entschädigt. Denn nicht weit entfernt liegen die berühmten, wunderschönen, ja geradezu phantastischen Spring Mounds (Quell-Hügel). Der Hintergrund ist Folgender: Unter dem nordöstlichen Australien liegt ein riesiges Süßwasser-Reservoir, das sogenannte Große Artesische Becken. An manchen Stellen findet das nach Süden drängende Wasser Erdspalten und tritt hier zu Tage. Da es stark mineralhaltig ist, bauen sich die so entstandenen Quellen durch entsprechende Ablagerungen im Lauf der Jahrtausende ihre eigenen Hügel auf, an deren Spitze das Wasser hervorsprudelt. Viele Hügel sind ausgetrocknet, aber zwei der intakten, mit Namen Blanche Cup und The Bubbler, wurden für Besucher mit aufwändigen Zugangsstegen versehen und sind somit leicht zugänglich.

Als ich den Steg zu Blanche Cup hochgehe, weiß ich nicht so richtig, was mich erwartet. Oben angekommen bleibt mir dann fast der Mund offen stehen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Vor mir liegt ein von dichtem, intensiv grünem Gras umstandenes Quellbecken von vielleicht drei oder vier Metern Durchmesser. Und ringsherum um den Hügel nur öde, fast vegetationslose Ebene. Beim nur einen Kilometer entfernten ähnlich großen Bubbler, der kräftig vor sich hin blubbert, was ihm seinen Namen einbrachte, ist der Eindruck etwas anders, die Konstellation aber nicht weniger grandios. Denn hier bewässert die Quelle in der Ebene eine größere Fläche, die sich intensiv grün bewachsen unterhalb des Hügels ausbreitet. Es ist eine regelrechte Oase in der Wüste. Alleine der Besuch der beiden Springs Mounds rechtfertigt aus meiner Sicht den Aufwand für das Befahren des Oodnadatta Tracks. Ich fühle mich privilegiert wie selten, dass ich diese unglaublichen Orte erleben darf.

Blanche Cup, ein Wunder in der Wüste
The Bubbler. Im Hintergrund Hamilton Hill, ein riesiger ausgetrockneter Spring Mound
The Bubbler. Rechts hinten die von der Quelle bewässerte Fläche in der Ebene

Aman iman – Wasser ist Leben. Diese Tuareg-Weisheit gilt nicht nur in der Sahara, sondern auch im Outback Australiens. Denn die von Stuart gewählte Route nach Norden, die den späteren Verlauf von Telegrafenlinie und ursprünglicher Streckenführung der Great Northern Railway vorgab, ist ja kein Zufall. Stuart folgte dem Vorhandensein von Wasser, und allein zwischen Marree und Oodnadatta, also auf einer Strecke von 400 km, gibt es ca. 50 Quellen der beschriebenen Art. Auch die Flüsse, die ich bei meiner Fahrt quere, sind keineswegs alle trocken. Etliche enthalten jetzt zu Beginn des Sommers noch durchaus nennenswerte Wassermengen, auch wenn dieses Wasser zurzeit nicht fließt, sondern sich an den tiefsten Stellen sammelt.

Curdimurka Siding ist die eindrucksvollste der aufgelassenen Versorgungsstellen an der alten Bahnlinie. Hier hat man die alten Gleise an ihrem Platz belassen, und auch das Gebäude der Streckenwärter sowie Wasserturm und Wasserbehandlungsanlage stehen noch. Das erbohrte stark mit Mineralien versetzte Wasser musste auf der ganzen Strecke nachbehandelt, konkret „weicher“ gemacht werden, um in den Lokomotiven eingesetzt werden zu können.

Curdimurka Siding
Lake Eyre South

Von Curdimurka sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Lookout auf den Lake Eyre, den größten Salzsee Australiens und einen der größten der Welt. Er liegt knapp unter dem Meeresspiegel und besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Seen, nämlich dem Lake Eyre North und dem Lake Eyre South. Nur nach außergewöhnlich ergiebigen Regenfällen, wenn der Wasserstand entsprechend ansteigt, fließt Wasser über den Goyder Channel von dem einen in den anderen See. Am Lookout stehen die üblichen durchaus aufschlussreichen Erklärungstafeln, doch das gebotene Panorama wirkt auf mich nicht ganz so überwältigend. Etwas enttäuscht fahre ich weiter.

Am Skulpturenpark von Alberri Creek. Figur mit jahreszeitlich angepasster Kopfbedeckung

Kurz vor Marree mache ich einen kurzen Fotostopp am Skulpturenpark von Alberri Creek. Ab 1997 hat hier ein Künstler am Ort einer alten Siding verschiedene aus Schrott-Teilen gefertigte Skulpturen aufgestellt und so eine typisch australische Kunst-Galerie angelegt. Bald darauf ist Marree erreicht, und damit das Ende bzw. der Anfang des Oodnadatta Tracks. Im altehrwürdigen Marree Hotel aus dem Jahre 1883 esse ich zu Mittag und habe erstmals seit Coober Pedy wieder Internet-Zugang.

Marree hieß ursprünglich Her(r)gott Springs, nach der Quelle, die 1859 von einem Mitglied aus Stuarts zweiter Expedition entdeckt und nach dem Entdecker benannt wurde. Im 1. Weltkrieg, als alles Deutsche nicht sehr hoch im Kurs stand, wurde der Ort in Marree umbenannt. Bereits 1884 war die Eisenbahn bis hierher vorgedrungen, und lange zogen auch von Marree aus Kamelkarawanen los, um die von der Bahn angelieferten Güter weiter zu transportieren.

Die traurigen Reste des einst geschäftigen Bahnhofs von Marree
Das altehrwürdige Marree Hotel

Die Quelle heißt im Gegensatz zum Ort weiterhin Hergott Springs und liegt etwa 4 km außerhalb. Das Bild, das sie abgibt, ist allerdings nicht halb so bezaubernd wie das von Blanche Cup oder The Bubbler. Und das hat seine Ursache nicht nur darin, dass sie sich (noch?) keinen Hügel gebaut hat und in flachem Gelände liegt. Vielmehr ist Hergott Springs von Vieh zertrampelt und verschmutzt. Trotzdem liefert die Quelle ein überraschendes Highlight. Denn zwei Kraniche stehen bei meiner Ankunft relativ unerschrocken dicht daneben. Zwei Kraniche mitten im australischen Outback! Ich bin völlig verblüfft und freue mich über diesen schönen Abschluss meiner Tour auf dem Oodnadatta Track.

Hergott Springs
Kraniche direkt neben den Hergott Springs

 

6 Comments

  1. Andreas Nobis said:

    … beim Lesen dieses Beitrags und beim Betrachten der Fotos kann man erahnen, wie heiß es dort im Outback war. Ich bewundere dich, Franz, wie gut du diese Tour gemeistert hast und dass du in dieser gottverlassenen Gegend über so viel Interessantes berichten kannst! Und loben muss man natürlich auch Leoni, die das alles so brav mitmacht!
    Eines habe ich nicht gefunden: Wie hast du denn Silvester erlebt?

    3. Januar 2018
    Reply
  2. Franz Thoren said:

    Lieber Andreas,
    in Marree, wo der Beitrag endet, bin ich am 30.Dezember gewesen. Sylvester ist bekanntlich erst am 31. Dezember. Die Auflösung des Rätsels erfolgt somit erst im nächsten Blog-Beitrag. 🙂
    Viele liebe Grüße, natürlich auch an Sabine
    Franz

    4. Januar 2018
    Reply
  3. Hart Bezner said:

    2018-01-03

    Dear Franz:

    Another great and informative report. We are impressed by your ability, and by your willingness and patience, to discover so many interesting facts about the places you visit.

    In the pictures we miss Hildegard, who willingly left the austral warmth to spend time with her family in the boreal, frigid German winter*. Hope she returns safely and refreshed. A very happy New Year to you and Hildegard. Continue to travel safely and relish all your many adventures, and keep those wonderful reports coming.

    Hugs from Hart and Marilyn
    Waterloo, Ontario

    *Ein bisschen aufgebauscht but we hope that Hildegard found the German winter friendly and gentle. The North American continent has been attacked by unprecedented cold, with some unusual inversions. The other day, for example, it was -27°C here in Waterloo and -5°C in Whitehorse, Yukon. Marilyn and I will leave for Tuktoyaktuk, by car, Jan 5th.

    4. Januar 2018
    Reply
    • Franz said:

      Dear Hart, dear Marilyn,
      we also wish you a happy new year. And when you write „travel safely“ that is as least as important for you as it is for us. Please be careful on the way to Tuktoyaktuk and back, very careful. In any case more careful, please, than last time. You know, Hart, that it was a very narrow escape for you. Marilyn, please make sure that Hart is much more cautious than last winter.
      We wish you a safe journey and look forward to hearing from you
      Franz and Hildegard

      4. Januar 2018
      Reply
  4. Bernd said:

    Hallo, lonesome Leoni-driver.
    Ich wünsche Dir erst mal ein gutes neues Jahr 2018.
    Tja Franz. So ist das eben mit elektronisch aus der Ferne gesteuerten Verkehrsschildern. Sie zeigen meist das Falsche an. So ist das auch in Deutschland, wo Schilderbrücken auf Straßen Staus verursachen, wo vor dem Bau der Schilderbrücken keine Staus waren.
    Am besten, man ignoriert solche Schildbürger-Schilder.
    Wenn man Personen um Auskunft fragt, sollte man immer unbeteiligte Leute fragen. Keinesfalls eine Amtsperson oder die Polizei. Von denen bekommt man nie die Auskunft, die man sich erhofft oder wünscht, sondern die, die denjenigen nicht in die Bredouille bringen kann. Die Person wird immer auf den Gesetzestext oder auf die Gültigkeit von Vorschriften und Schilder hinweisen, auch wenn das noch so unsinnig ist.
    Aber, Du hast ja letztendlich doch noch“grünes Licht“ vom Straßenschild für den Oodnadatta Track bekommen.
    Viele Grüße und allzeit freie Fahrt.
    Bernd

    4. Januar 2018
    Reply
  5. Holger und Tanja Schaff said:

    Hallo Franz, hallo Hildegard,

    wieder mal tolle Bilder.
    Da kommen Erinnerungen hoch als wir auf dem Oodnadatta Track 2003 unterwegs waren.
    Australien muss man halt „erfahren“!

    Grüße aus Renningen

    16. Februar 2018
    Reply

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