Frachtschiffreise von Hamburg nach Montevideo

Auf dem Weg zum Hamburger Hafen bauen wir in Hannoversch Münden eine Übernachtung auf dem Wohnmobilstellplatz am Zusammenfluss von Werra und Fulda ein. Am nächsten Tag geht es dann weiter nach Buchholz, schon ganz in der Nähe des Hamburger Hafens, zu unseren Freunden Jens und Bärbel, bei denen wir mit Leoni im Vorgarten campieren dürfen. Hier tritt das erste technische Problem unserer Reise auf. Die Sicherheitssperre am Kühlschrank blockiert, der Kühlschrank lässt sich nicht mehr öffnen. Es ist Samstagabend, und am nächsten Morgen sollen wir aufs Schiff. Obi hat noch geöffnet, das gesuchte Teil aber nicht vorrätig. Aber am Montagmorgen bei Fa. xy sei es ganz sicher zu bekommen. Was uns aber leider nichts nutzt. Kurzerhand baut Jens ein fast baugleiches Teil aus seinem eigenen reisefertigen Wohnmobil aus. Er und seine Frau Bärbel gehen in drei Wochen mit ihrem Wohnmobil ebenfalls auf ein Schiff Richtung Montevideo und sind zuversichtlich, bis dahin Ersatz beschaffen zu können. Wir sind gerettet. Danke, ihr Beiden.

 

Die Grande Amburgo im Hamburger Hafen
Die Grande Amburgo im Hamburger Hafen
Beim Essen in der Offiziersmesse
Beim Essen in der Offiziersmesse

Erst nach sechs Stunden Wartezeit dürfen wir am späteren Sonntagnachmittag schließlich auf unser Schiff, die Grande Amburgo der italienischen Reederei Grimaldi. Leoni muss dagegen zunächst noch draußen im Hafengelände bleiben. Sie wird erst am Montagnachmittag verladen. Ich fahre Leoni selbst an Bord und werde millimetergenau eingewiesen zwischen Claas-Erntemaschinen, neuen PKWs und anderen Campern. Dann wird Leoni fest verzurrt.
Die Grande Amburgo ist gute 200 m lang, hat vorne einen Container- und hinten einen Fahrzeugbereich. Dort wird alles befördert, was Räder (oder Raupen) hat. Lastwagen, PKWs, Bagger, Kranwagen, Mähdrescher, Güterwaggons, etc. – und eben auch Camper. Außer den Fahrzeugen der insgesamt 12 Passagiere sind weitere ca. 10 unbegleitete Camping-Fahrzeuge an Bord, die alle nach Zarate in Argentinien gehen. 6 der Passagiere sind aus Deutschland, die anderen 6 aus Frankreich. Mehr als 12 Passagiere werden grundsätzlich nie an Bord genommen, denn dann müsste ein Schiffsarzt mitfahren. Und das ist der Reederei zu teuer. Wir merken sehr schnell, welchen Stellenwert die Passagiere an Bord haben. Man könnte sagen: Keinen. Ein Mitreisender wollte das nicht gelten lassen und meinte, die Passagiere hätten schon eine gewisse Bedeutung. Sie kämen direkt nach dem Ballast. Wie auch immer. Der Kapitän befand es nicht für nötig, in den knapp vier Wochen Reisezeit auch nur einen Satz an seine Passagiere zu richten. Am zweiten Tag nach der Abfahrt aus Hamburg konnte man keinen Rotwein mehr kaufen. Es war nämlich keiner mehr da. Am elften Tag der Reise gab es auch keinen Weißwein mehr. In den brasilianischen Häfen wurde dann auch kein Wein nachgekauft. Denn da war der zu teuer. Dabei hätte man natürlich den Preis nur weitergeben müssen. In Rio de Janeiro wurde der Landgang der Passagiere verhindert durch die Aussage beim Frühstück, das Schiff würde zwischen 12 und 13 Uhr auslaufen. In Wirklichkeit lief es dann kurz vor 19 Uhr aus. Aber so konnte man die lästige Arbeit des Ausschiffens vermeiden. In Montevideo wurden wir aus dem Hafen geschickt, ohne die Zolldokumente für die Fahrzeuge ausgefüllt zu haben. Stunden später wurde alle Camper im Großraum Montevideo von Grimaldi-Agenten gesucht, zumindest 5 von 7 wurden auch gefunden und zum Hafen zurückgeschickt. Wir waren (zum Glück) Teil dieser 5. Kommunikation der Schiffsführung in Richtung Passagiere fand praktisch systematisch überhaupt nicht statt. Wir wurden immer und über alles im Unklaren gelassen, und mussten jede Information gezielt abfragen.

 

Im Gespräch mit einem französischen Mitreisenden
Im Gespräch mit einem französischen Mitreisenden

Jetzt hört sich das Ganze für den geneigten Leser vielleicht ziemlich furchtbar an. In Summe war es das aber durchaus nicht. Das waren eher leicht störende Randerscheinungen. Insgesamt war die Reise durchaus sehr entspannt. Es gab einen geregelten Tagesablauf mit festen Zeiten für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Bei schönem Wetter konnte man draußen auf dem Deck sitzen und lesen oder die Wellen beobachten. Ab und zu gab es auch Wildlife zu sehen. Immer wieder mal Delfine, ab Dakar dann reichlich Fliegende Fische, und ein paar Mal auch Wale. Manchmal einen Kilometer vom Schiff entfernt, so dass man sie nur an ihren Blasfontänen erkennen konnte, manchmal auch ganz nah beim Schiff. Einmal konnten wir zwei große Wale in Schiffsnähe beobachten, die immer wieder aus dem Wasser sprangen und ins Meer zurückplatschten. Jedes Mal war dabei die Schwanzflosse (Fluke) gut sichtbar. Ich fand das sehr ungewöhnlich, weil die Schwanzflosse normalerweise nur direkt vor dem Abtauchen zu sehen ist. Unsere zwei Wale tauchten aber nicht ab, ganz im Gegenteil. Sie sprangen immer wieder aus dem Wasser. Das war ganz toll anzuschauen. Im Hafen von Dakar kreisten abends geschätzte 1.000 Greifvögel über uns. Alle von der gleichen Sorte. Angeblich Seeadler. Ob es wirklich welche waren, weiß ich nicht sicher. Aber es war ein sehr ungewöhnliches Spektakel. Im Hafen von Rio de Janeiro wiederholte sich das Ganze mit Fregattvögeln. Da waren es allerdings nicht ganz so viele, sondern vielleicht „nur“ 100. Ein trotzdem sehr eindrucksvolles Bild.
Der erste Hafen, den wir nach Hamburg angelaufen sind, war gleichzeitig auch der einzige in Afrika, nämlich Dakar im Senegal. Danach ging es rüber über den Atlantik nach Brasilien. Hier standen gleich vier Häfen auf dem Programm: Vitoria, Rio de Janeiro, Santos und Paranaguá. Der darauf folgende nächste Hafen war dann schon unser Bestimmungshafen Montevideo in Uruguay. In Dakar wurden vor allem sehr viele Gebrauchtfahrzeuge ausgeladen und zusätzlich auch eine Reihe Container. An Bord wiederum gingen hier vor allem Leer-Container. In den südamerikanischen Häfen wurden dann Neu- und auch Nutzfahrzeuge aus Europa ausgeladen und Neufahrzeuge aus brasilianischer Produktion eingeladen. Dazu gingen massenweise Container von Bord und neu an Bord. Das Treiben in den Häfen zu beobachten war für uns Passagiere sehr interessant und aufschlussreich. Man hatte den Eindruck, dass die Häfen zum Teil völlig verschiedene Be- und Entladestrategien verfolgen.
Ein paar Überraschungen gab es während unserer fast vierwöchigen Reise natürlich auch. So dümpelten wir einmal mitten im Golf von Biscaya fünf Stunden antriebslos im Meer. Eine Treibstoffleitung war leck und musste ausgetauscht werden, was sich als sehr schwierig erwies. Natürlich wurde das nicht ans uns Passagiere kommuniziert. Die Information holte ich mir bei einem Filipino aus dem Maschinenraum, den ich schon im Hamburger Hafen außerhalb des Schiffes kennengelernt hatte und der sich als wichtige Informationsquelle erwies.
Die zweite Überraschung war unsere Äquatortaufe. Wenige Stunden nach Überquerung des Äquators wurden wir Passagiere aufs Oberdeck gerufen. Dort stand unser als Neptun verkleideter Steward Giovanni und „taufte“ jeden einzeln mit einer braunen Brühe, die nach Schokolade bzw. Kakao roch und ziemliche Flecken auf der Kleidung zurückließ, die sich anschließend zum Teil nur sehr schlecht wieder entfernen ließen. Insgesamt kamen wir Passagiere aber glimpflich davon. Wesentlich weniger zart war der Umgang mit zwei Kadetten, die zum ersten Mal den Äquator überquerten. Sie bekamen zum Abschluss den ganzen Bottich mit der braunen Brühe über den Kopf geschüttet und wurden anschließend mit einem Wasserschlauch massiv abgespritzt.

 

Hildegards Äquator-Taufe
Hildegards Äquator-Taufe

Unsere größte Sorge während der gesamten Reise galt der Sicherheit unseres Campers. Hintergrund waren in den relevanten Internet-Foren zu findende Berichte über Aufbrüche vor allem während der Hafenaufenthalte. Afrikanische Häfen haben diesbezüglich ein besonders schlechtes Image. Diese Sorge erwies sich aber zum Glück als unbegründet. Leoni stand wie erwähnt mit den anderen Campern, einigen Erntefahrzeugen von Claas und einer ganzen Reihe von Neuwagen auf Deck 6. Als ich vor Dakar den 1. Offizier fragte, ob wir Passagiere während des Aufenthalts in Dakar eine Wache bei den Campern organisieren sollten, hat er mich völlig verständnislos angeschaut: „No, no! That is our job.“ Und dann angeboten, uns die Sicherheitsmaßnahmen zu zeigen. Und tatsächlich. Das Deck 6, wo Leoni stand, war durch ein unüberwindliches Gitter zur Rampe hin verschlossen. Alle drei Türen unseres Campers waren versiegelt, die Türen der anderen Camper auch. Leoni blieb während der gesamten Reise zu unserer großen Erleichterung unversehrt.

 

Leoni fest verzurrt unter Deck
Leoni fest verzurrt unter Deck
Versiegelung von Leonis Tür
Versiegelung von Leonis Tür

Am 27. Reisetag liefen wir dann in Montevideo ein und fanden am späten Nachmittag an der Strandpromenade hinter einer Tankstelle einen ganz geschickten Übernachtungsplatz, nur ca. 6 km vom Stadtzentrum Montevideos und 1 km von einem großen Shopping Center entfernt, dazu kostenlos und mit Internetzugang über das WLAN der Tankstelle.

 

Ankunft im Hafen von Montevideo
Ankunft im Hafen von Montevideo

Wir sind in Südamerika, und jetzt kann unsere Reise „richtig“ beginnen.

Ein Kommentar

  1. jackalligator said:

    Auch von uns direkt vom Stromboli alles Gute und viel Glück auf der Fahrt durch Südamerika. Früher haben wir uns immer geärgert, dass wir für 1 oder 2 Länder in SA gleich das 1800 Seiten starke Südamerika-Handbuch mitschleppen mussten. Für Euch ist das jetzt aber eine gute Anschaffung. Wir hoffen, Ihr könnt es von Vorne bis Hinten nachreisen und findet auch zwischen den Zeilen den Einen oder Anderen Geheimtipp.
    Elsbeth und Bernd

    10. November 2014
    Reply

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